Vor zwei Jahren war ein humanoider Roboter, der sicher stehen kann, noch eine Laborkuriosität. Heute produziert Figure 55 solcher Maschinen — pro Woche. In China stehen tausend davon bereits in Logistikzentren im Einsatz. Japan Airlines testet sie am Flughafen. Die Entwicklung der humanoiden Robotik ist nicht graduell — sie ist explosiv.

Fabriken für Roboter, die Fabriken bauen

Das amerikanische Unternehmen Figure gab Ende April bekannt, dass es seine Produktion der F.03-Linie in den vergangenen 120 Tagen um den Faktor 24 gesteigert hat — von einem Roboter pro Tag auf einen Roboter pro Stunde. In der Woche der Ankündigung verließen 55 Humanoid-Roboter die sogenannte BotQ-Fabrik.

Parallel dazu eröffnete das norwegische Startup 1X seine NEO Factory in Hayward, Kalifornien: 58.000 Quadratfuß, über 200 Mitarbeiter, vollständig eigene Fertigung — Motoren, Aktuatoren, Sehnen, taktile Finger, Batterien, alles unter einem Dach. 1X produziert nicht nur Roboter, sondern die Maschinen, die die Roboter machen.

Tausend Humanoide in der Logistik

Während westliche Unternehmen ihre Fabriken hochfahren, ist China bereits einen Schritt weiter. Das Pekinger Unternehmen RobotEra setzt seinen L7-Humanoid-Roboter bereits in mehr als zehn Logistikzentren von China Post und SF Express ein — in einigen Zentren bereits im Tausender-Maßstab. Sortieren, Lagern, Kommissionieren: Aufgaben, die bisher nur Menschen erledigen konnten, übernehmen zunehmend Maschinen.

Am Flughafen

Japan Airlines hat für Mai 2026 einen Pilotversuch am Haneda-Flughafen angekündigt: Getestet werden der Unitree G1 (kindgroß) und der UBTECH Walker E (erwachsengroß) für schwere Bodenarbeiten wie Gepäck- und Frachthandling. Der Hintergrund: Japans alternde Bevölkerung und ein Tourismus-Boom machen Arbeitskräftemangel zu einem strukturellen Problem — Roboter sollen ihn lösen.

Balancieren, Modulieren, Anpassen

Hinter dem Wettbewerb um Stückzahlen steht ein kontinuierlicher Reifesprung bei den Kernfähigkeiten. Das Gleichgewichts-Video des Unitree G1, das zuletzt viral ging, zeigt stellvertretend, wie weit die adaptive Bewegungssteuerung bereits ist — Sensoren, Regelkreis und Aktuatorik reagieren in Millisekunden auf destabilisierende Kräfte.

Daneben entstehen neue Plattformen: ROBOTIS aus Korea hat mit dem „AI Sapiens" einen Open-Source-Humanoid vorgestellt — 130 cm, 34 kg, 23 Freiheitsgrade, angetrieben von neuen Dynamixel-Q-Aktuatoren. Ein direkter Konkurrent zum Unitree G1, aber vollständig als quelloffene Hardware konzipiert.

Einen anderen Weg zeigt ein Hongkonger Startup: Ihr Roboter lässt sich in kleinere Einheiten aufteilen, um durch enge Passagen zu gelangen, und setzt sich dann wieder zusammen, um schwere Lasten zu tragen.

China gegen den Rest der Welt

Der geografische Kontext ist kaum zu übersehen. Während amerikanische Unternehmen wie Figure und 1X ihre Produktionskapazitäten aufbauen, hat China den Schritt in die Skalierung bereits vollzogen. Unitree und Toyota stehen inzwischen als direkte Vergleichsgrößen nebeneinander — und das chinesische Unternehmen muss sich nicht verstecken.

Auch bei Komponenten tut sich etwas: Das chinesische Unternehmen BrainCo soll laut Li Zexin (@ShangguanJiewen) das Problem der Roboterhand gelöst haben — eine Schlüsselkomponente, die bisher humanoide Roboter für Feinarbeit weitgehend untauglich machte.

🎯 Was das für die Praxis bedeutet

1. Skalierung ist der neue Beweis: Nicht mehr das beeindruckende Demo-Video entscheidet — sondern wer produzieren kann. Figure baut 55 Roboter pro Woche, RobotEra zählt tausend Einheiten im Einsatz. Die Phase der Machbarkeitsstudien ist vorbei.

2. Logistik und Flughäfen als Einstiegsmärkte: Sortieren, Heben, Transportieren — strukturierte Umgebungen mit klar definierten Aufgaben sind das ideale Einstiegsfeld. Wer in der Lieferkette tätig ist, sollte jetzt genau hinschauen.

3. China hat einen Vorsprung bei der Masse: Bei Stückzahlen, Einsatzerfahrung und Komponentenentwicklung (Hände, Aktuatoren) läuft China schneller. Der Technologieunterschied schmilzt — der Skalenunterschied wächst.

4. Open Source als Gegenstrategie: Plattformen wie ROBOTIS AI Sapiens zeigen, dass es einen anderen Weg gibt als proprietäre Hochpreismaschinen — breite Forschungsbasis, günstige Hardware, schnelle Iteration durch die Community.

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📰 Quellen
BRICSinfo auf X ↗ Figure auf X ↗ The Humanoid Hub (1X) ↗ CyberRobo auf X (RobotEra) ↗ Alvin Foo auf X (JAL) ↗ rohanpaul_ai auf X (Unitree G1) ↗ The Humanoid Hub (ROBOTIS) ↗ MarioNawfal auf X (HK Roboter) ↗ The Humanoid Hub (Unitree vs Toyota) ↗ ShangguanJiewen auf X (BrainCo) ↗ teslacarsonly auf X ↗
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