Sam Altman hat sich verändert. Vor einem Jahr war er der vorsichtige Visionär, der in Indien über das Potenzial von KI philosophierte. Am 20. Februar 2026 sitzt er beim Express Adda in Neu-Delhi — und sein Tonfall ist ein anderer: dringlicher, konkreter, fast warnend. AGI (Artificial General Intelligence — KI auf menschlichem Niveau) sei „pretty close", ASI (Artificial Superintelligence — KI, die den Menschen übertrifft) „nur wenige Jahre entfernt". Die Welt, sagt der OpenAI-CEO, sei nicht vorbereitet.
Von Schulmathe zu Forschungsdurchbrüchen — in zwölf Monaten
Altman eröffnet mit einer Zahl, die den rasanten Fortschritt illustriert: Vor einem Jahr konnte KI gerade einmal High-School-Mathematik. Vergangene Woche löste OpenAIs neuestes Modell sieben von zehn Forschungsproblemen beim „First Proof"-Wettbewerb — Probleme, deren Lösungen zuvor unbekannt waren und die selbst die besten Mathematiker der Welt an ihre Grenzen brachten.
KI sei in kürzester Zeit von mittelmäßiger Schulmathe zu echter Forschungsmathematik aufgestiegen, fasst Altman zusammen. Dieselbe Entwicklung sehe man in der Physik. Es ist keine Verbesserung — es ist ein Paradigmenwechsel.
Codex und die Software-Revolution
Besonders brisant für den indischen Markt: Altman enthüllt, dass Indien der weltweit am schnellsten wachsende Markt für Codex ist — OpenAIs Coding-Werkzeug, das ganze Anwendungen aus einer Textbeschreibung generieren kann. Die Rolle des Programmierers habe sich „mehr verändert als in jedem anderen Jahr meines Erwachsenenlebens".
Für ein Land, dessen IT-Sektor acht Prozent des BIP ausmacht, ist das eine existenzielle Aussage. Altman versucht zu beschwichtigen — er sei kein Schwarzmaler in Sachen Arbeitsmarkt — räumt aber unmissverständlich ein: Die Veränderung werde kommen, und wer nicht schnell adaptiere, werde zurückfallen.
Das größte Infrastrukturprojekt der Menschheit
Eine der bemerkenswertesten Passagen betrifft Compute-Kapazitäten. Altman stellt eine einfache Rechnung auf: Wenn jeder der acht Milliarden Menschen auch nur eine GPU für sich beanspruchen wollte, bräuchte die Welt acht Billionen GPUs. Es gebe derzeit keine Möglichkeit, das auch nur annähernd zu liefern. Und manche wollten tausend.
Der Aufbau der nötigen Infrastruktur werde das teuerste und komplexeste Infrastrukturprojekt, das die Welt jemals kollektiv in Angriff genommen habe. Datencenter im Weltraum? Absurd — zumindest für dieses Jahrzehnt. Auf der Erde dagegen werde man KI und Roboter einsetzen, um die Infrastruktur selbst zu bauen.
Demokratisierung statt Machtkonzentration
Altman positioniert sich klar gegen eine Ein-Superintelligenz-Welt: Es dürfe keine einzelne Superintelligenz geben — nicht für eine Person, nicht für ein Land, nicht für ein Unternehmen, auch nicht für die Vereinigten Staaten. Es ist eine Aussage, die angesichts der zunehmenden Nähe von Big Tech zu Regierungen besonders aufhorchen lässt.
Die positive Folge der Demokratisierung: Ein- bis Drei-Personen-Startups könnten heute Dinge erreichen, die vor wenigen Jahren unmöglich waren. Man werde sich sehr schnell an Ein-Personen-Startups mit enormem Erfolg gewöhnen müssen. Die Zentralisierung wirtschaftlicher Macht könnte durch KI tatsächlich aufgebrochen werden.
Wasserverbrauch „completely untrue", Energie „real"
Auf die Umweltkritik angesprochen, räumt Altman mit einem viralen Mythos auf: Die Behauptung, jede ChatGPT-Anfrage verbrauche 17 Gallonen Wasser, sei völlig unwahr und habe keinerlei Bezug zur Realität. Evaporative Kühlung werde in modernen Rechenzentren nicht mehr eingesetzt.
Beim Energieverbrauch dagegen gibt er zu: Das Problem sei real — nicht pro Anfrage, sondern in Summe. Die Lösung? Kernenergie, Wind und Solar. Und ein Argument, das man selten hört: Auch einen Menschen auszubilden koste enorm viel Energie — 20 Jahre Lebenszeit und sämtliche Nahrung, die man zu sich nehme. Pro Anfrage sei KI möglicherweise bereits effizienter als ein Mensch.
AGI „pretty close" — Superintelligenz in wenigen Jahren
Der vielleicht brisanteste Moment des Interviews: Altman korrigiert den Moderator, der nach AGI fragt. Von der Superintelligenz (ASI) sei man nur wenige Jahre entfernt; AGI fühle sich bereits sehr nah an. Noch vor sechs Jahren hätte man Systeme, die eigenständig forschen und Software schreiben können, als ziemlich allgemein und ziemlich intelligent eingestuft. Die Beschleunigung innerhalb von OpenAI sei schneller als ursprünglich erwartet.
Musk, Pentagon und die Hardware mit Jony Ive
Im Schnellfragerunden zeigt sich Altman überraschend offen:
- Musk: Dass er und Musk wieder Freunde würden, sei unwahrscheinlicher als das Ende von TSMCs Chip-Monopol. Über Letzteres habe er mehr Kontrolle.
- Pentagon: KI solle keine Kriegsentscheidungen treffen — dafür seien die Modelle nicht zuverlässig genug. Intelligenzanalysen? Durchaus sinnvoll.
- Jony Ive: Das gemeinsame Hardware-Projekt soll Ende 2026 vorgestellt werden — ein Gerät, das komplett um KI herum konzipiert sei und das klassische Computerparadigma mit Fenstern und Zeigegeräten aufbrechen solle.
- Equity: Auf seine Entscheidung, kein OpenAI-Equity zu nehmen, angesprochen: Das sei eine seiner dümmsten Entscheidungen gewesen. Er fühle sich in dieser Frage mittlerweile gefangen.
Der CEO-Fehler des Jahrzehnts
Altmans vernichtendste Kritik gilt nicht der Technologie, sondern den Unternehmen, die sie einsetzen wollen. Er berichtet von einem Treffen mit einem Großkonzern, der plane: 2026 Strategie, 2027 Vorbereitung, 2028 Deployment. Sein Urteil: Das werde sich als katastrophaler Fehler erweisen. Die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung verzeihe keine Dreijahrespläne.
📊 Einordnung
Altmans Auftritte in Indien folgen einem Muster: Begeisterung für den lokalen Markt, gepaart mit globalen Warnungen. Doch dieses Mal fehlt die diplomatische Zurückhaltung. Die Aussage, AGI sei nah und der Take-off verlaufe schneller als erwartet, ist bemerkenswert — denn Altman ist normalerweise derjenige, der die Erwartungen dämpft, nicht anheizt. Dass er gleichzeitig das größte Infrastrukturprojekt der Menschheitsgeschichte beschwört, zeigt die Dimension: Wir reden nicht mehr über ein Software-Update, sondern über eine zivilisatorische Weichenstellung.
🎯 Was bedeutet das konkret?
Drei Handlungsempfehlungen für Unternehmen im DACH-Raum:
1. Sofort starten: Jeder Monat Verzögerung kostet exponentiell. Dreijahrespläne für KI-Adoption
sind laut Altman ein katastrophaler Fehler.
2. KI-Kompetenz in die Chefetage: Die Strategie gehört nicht in die IT-Abteilung. Vorstände
müssen KI-Tools selbst nutzen und verstehen.
3. Demokratisierung nutzen: Kleine Teams mit KI-Tools leisten heute mehr als große Abteilungen
vor zwei Jahren. Codex, ChatGPT und Gemini werden billiger und besser — nicht langsamer.
Quelle: Sam Altman Exclusive: Express Adda, The Indian Express, 20. Februar 2026