OpenAI zieht offenbar die Reißleine. Laut einem exklusiven Bericht des Wall Street Journal bereite die Führungsspitze um CEO Sam Altman einen tiefgreifenden Strategiewechsel vor: Das Unternehmen wolle sich künftig auf Coding-Tools und Geschäftskunden konzentrieren — und dafür zahlreiche Nebenprojekte zurückfahren. Der Videogenerator Sora, der Webbrowser Atlas, das Hardware-Gerät mit Jony Ive: alles stehe auf dem Prüfstand. Und im Netz wird bereits laut spekuliert, ob auch das milliardenschwere Rechenzentren-Projekt Stargate vor dem Aus stehen könnte.
Schluss mit „Side Quests"
Fidji Simo, seit August 2025 als Applikationschefin für Produkt und Finanzen zuständig, habe die neue Linie laut WSJ in einem unternehmensweiten All-Hands-Meeting vorgegeben. Dem Journal liegen ihre Bemerkungen vor: Man dürfe diesen Moment nicht verpassen, weil man sich von Nebenschauplätzen ablenken lasse, soll sie gesagt haben. Produktivität müsse jetzt absolute Priorität haben. Die Erfolge von Anthropics Claude Code und Cowork — Agenten-Tools, die autonom komplexe Aufgaben erledigen — seien ein Weckruf gewesen.
Im vergangenen Jahr hatte OpenAI eine schier endlose Produktpalette aufgefächert: den Videogenerator Sora, einen Webbrowser namens Atlas, ein Hardware-Gerät in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Apple-Chefdesigner Jony Ive und E-Commerce-Funktionen für ChatGPT. Sam Altman verglich diesen Ansatz einst mit einer „Serie von Startups innerhalb von OpenAI". Intern habe das zu chaotischen Zuständen geführt, berichten aktuelle und ehemalige Mitarbeiter gegenüber dem WSJ: Rechenressourcen seien regelmäßig in letzter Minute zwischen Teams verschoben worden, die Organisationsstruktur sei unübersichtlich geworden.
Sora stagniert, Anthropic zieht davon
Am deutlichsten zeigt sich das Problem bei Sora. OpenAI startete die eigenständige App im September 2025 als Social-Video-Plattform nach TikTok-Vorbild — kurzzeitig Platz 1 im App Store. Kurz darauf stagnierten die Nutzerzahlen. Gleichzeitig verschlingt die Videogenerierung enorme Rechenkapazitäten, ohne nennenswerte Einnahmen zu liefern: Jedes generierte Video kostet GPU-Zeit, die anderswo produktiver eingesetzt werden könnte. In einem Unternehmen, das laut Handelsblatt ohnehin mit explodierenden Kosten kämpft, dürfte ein Produkt, das Geld verbrennt und kaum Nutzer hält, ein doppeltes Problem darstellen. Laut WSJ soll die Videogenerierung nun in die Haupt-App ChatGPT integriert werden, statt als separates Produkt weiterzulaufen.
Währenddessen baute Anthropic seinen Vorsprung im Coding-Segment massiv aus. Claude Code wurde über die Feiertage zum Entwickler-Phänomen — der sogenannte „Claude Bender" machte in der Szene die Runde. Wie das Handelsblatt berichtet, kämpft OpenAI gleichzeitig mit enttäuschenden Ergebnissen bei GPT-5 und dem Verlust mehrerer Führungskräfte. OpenAI konnte zuletzt immerhin etwas Boden gutmachen: Die neue Version der Codex-App habe laut WSJ mittlerweile über zwei Millionen wöchentlich aktive Nutzer — eine Vervierfachung seit Jahresbeginn.
Wie dramatisch die Verschiebung im B2B-Geschäft tatsächlich ist, zeigen neue Zahlen von Axios auf Basis von Daten des Finanzdienstleisters Ramp: Anthropic gewinnt inzwischen 73,3 Prozent aller Erstausgaben von Enterprise-Neukunden — OpenAI kommt nur noch auf 26,7 Prozent. Noch Anfang Dezember 2025 lag OpenAI mit einem 60/40-Verhältnis vorn, Mitte Januar war es ausgeglichen, und im Februar hat sich das Bild komplett gedreht. Zwar ist OpenAI beim Gesamtumsatz mit prognostizierten 25 Milliarden Dollar noch deutlich vor Anthropic (19 Milliarden), doch bei Neuabschlüssen verliert OpenAI rapide an Boden.
6,5 Milliarden für Jony Ive — und jetzt?
Besonders pikant wird der Strategiewechsel beim Blick auf die Hardware-Ambitionen. 2025 übernahm OpenAI Jony Ives Firma io Products — für kolportierte 6,5 Milliarden Dollar. Das erste Gerät, von Altman als „peaceful, simple and beautiful" beschrieben, sollte in der zweiten Jahreshälfte 2026 vorgestellt werden. Laut WSJ wolle Simo die längerfristigen Wetten wie das Hardware-Gerät nun um das Thema Produktivität herum ausrichten — das klänge nach einer deutlichen Neupositionierung weg vom visionären Consumer-Gadget.
Die Online-Reaktionen fallen entsprechend beißend aus. Ein vielbeachteter X-Post fragt fassungslos: Man zahle 6,5 Milliarden Dollar, um Jony Ive zu engagieren — und schwenke dann um, ohne ein einziges Produkt auf den Markt gebracht zu haben? Auch der Webbrowser Atlas stehe laut WSJ auf dem Prüfstand. Technologie-Kommentator Max Weinbach zieht die naheliegende Schlussfolgerung: Consumer-KI werde Google und Apple überlassen. Sollte das zutreffen, würde ein eigenständiges Hardware-Gerät kaum noch Sinn ergeben.
Und was wird aus Stargate?
Noch brisanter ist die Frage, was der Kurswechsel für Project Stargate bedeutet — OpenAIs im Januar 2025 mit großem Pomp angekündigtes 500-Milliarden-Dollar-Infrastrukturprojekt. Offizielle Bestätigungen gibt es bislang nicht, doch im Netz wird bereits heftig spekuliert. Ein viral gegangener X-Post mit über 800.000 Aufrufen behauptet, OpenAI habe den Plan zum Bau eigener Rechenzentren aufgegeben und miete stattdessen Rechenkapazität bei Microsoft, Oracle und Amazon. Das Infrastruktur-Team sei umstrukturiert worden — verifizieren lässt sich das bisher nicht.
Die Parallelen zu einem anderen Prestige-Pivot sind nicht zu übersehen. Wie ein Kommentator treffend anmerkt: Dass Stargate nicht mehr den Bau eigener Rechenzentren bedeute, erinnere an 2021, als Meta plötzlich nicht mehr das Metaverse bedeutete. Andere staunen über die Fallhöhe: Von einem 500-Milliarden-Dollar-Projekt, das als größtes KI-Infrastrukturvorhaben der Geschichte angekündigt wurde, zum bloßen Anmieten von Cloud-Kapazitäten bei Big Tech.
In der Rückschau fällt auf, dass die Skepsis von Anfang an laut war. Schon früh hatten Kritiker Stargate als Schwindel bezeichnet und auf die fragile Finanzierungsstruktur hingewiesen — SoftBank soll laut diesen Berichten bis zu 90 Prozent des Kapitals über Schulden aufgebracht haben. Elon Musk, selbst im KI-Wettbewerb mit xAI aktiv, hatte bei der ursprünglichen Ankündigung trocken kommentiert, die hätten das Geld in Wirklichkeit gar nicht.
Börsengang in Sicht — die Zahlen müssen stimmen
Der Druck zur Fokussierung kommt auch von der finanziellen Seite. Sowohl OpenAI als auch Anthropic bereiten laut WSJ Börsengänge vor, die noch in diesem Jahr stattfinden könnten. Wie auch Der Aktionär berichtet, plane OpenAI den Börsengang für das vierte Quartal 2026. Die Bewertung steuere laut Handelsblatt auf 500 Milliarden Dollar zu. Für ein Unternehmen auf dem Weg an die Börse wäre ein Portfolio aus halbfertigen Nebenprojekten das denkbar schlechteste Signal an Investoren.
OpenAI hat sich jahrelang als Universalgenie der KI-Branche inszeniert — vom Chatbot über Videoproduktion und Social Media bis zu Hardware und eigenem Browser. Dass ausgerechnet Anthropic, ein Unternehmen mit einer deutlich schmaleren Produktpalette, OpenAI im lukrativsten Segment unter Druck setzt, wäre die eigentliche Lehre dieses Strategiewechsels. „Do everything“ ist eben keine Strategie. Was die angekündigte Neuausrichtung tatsächlich für Sora, das Jony-Ive-Gerät und Project Stargate bedeutet, wird sich zeigen.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. Fokus schlägt Vielfalt: Anthropics Erfolg mit Claude Code zeigt, dass ein einziges exzellent ausgeführtes Produkt mehr Marktmacht erzeugt als ein Dutzend parallel laufende Experimente. Für die eigene KI-Strategie heißt das: lieber eine Anwendung gründlich einführen als fünf gleichzeitig antesten.
2. Sora als Warnsignal: Wer auf Sora als eigenständige Videoplattform gesetzt hat, sollte die Integration in ChatGPT genau beobachten. Die separate App könnte mittelfristig eingestellt werden — und damit auch das Social-Media-Ökosystem rund um KI-generierte Videos.
3. Enterprise-KI wird zum Hauptschlachtfeld: Wenn sowohl OpenAI als auch Anthropic ihre Kräfte auf Geschäftskunden und Entwickler bündeln, wird der Wettbewerb intensiver — und die Angebote besser. Wer jetzt KI-Coding-Tools und Produktivitätslösungen evaluiert, profitiert unmittelbar von diesem Konkurrenzkampf.