Während auf höchster EU-Ebene noch oft über abstrakte Rahmenbedingungen des AI Acts gestritten wird, schafft Österreich derweil Fakten an der administrativen Basis. Auf dem jüngsten "KI-Konklave" im niederösterreichischen Tulln hat Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll den offiziellen Startschuss für die weitreichende Initiative "Public AI" gegeben.

Fünf Hebel für den souveränen Staat 2.0

Im Zentrum der vorgestellten Strategie steht der klare Wille zu einer souveränen technologischen Infrastruktur, die komplett im hauseigenen Bundesrechenzentrum (BRZ) gehostet wird, um höchste europäische Datenschutzstandards lückenlos abbilden zu können. Pröll definierte konkret fünf technologische Anwendungen, die die österreichische Bundesverwaltung im extrem kurzen Zeitraum der kommenden zwölf Monate tiefgreifend verändern sollen:

  1. GovGPT für 180.000 Beamte: Noch im ersten Halbjahr 2026 wird eine DSGVO-konforme, hauseigene KI flächendeckend ausgerollt, die einer gigantischen Zahl an Verwaltungsbediensteten bei der alltäglichen Textgenerierung, Zusammenfassung und komplexen Dokumentenanalyse assistiert.
  2. Intelligenz im E-Akt (ELAK): Die analoge Schaltstelle der Verwaltung wird intelligent. Rund 13.000 Mitarbeiter können künftig gewaltige, historische Aktenbestände per Natural Language abfragen – was besonders im Hinblick auf das erst kürzlich beschlossene Informationsfreiheitsgesetz eine massive ressourcentechnische Entlastung verspricht.
  3. KAPA für parlamentarische Anfragen: Ein spezifisch trainiertes KI-Tool wird die extrem zeitaufwendige inhaltliche Recherche zur verlässlichen Beantwortung hochformeller parlamentarischer Anfragen weitgehend automatisieren.
  4. Personal Assistant KI-SUN: Ein bereits teilweise freigeschalteter, interaktiver Such-Assistent, der über 6.000 Seiten an komplizierten Ausbildungs- und Schulungsmaterialien des Bundes in Sekundenschnelle durchdringt und auswertet.

Der Quantensprung: Agentic AI

Der technologisch radikalste und brisanteste Schritt verbirgt sich jedoch beiläufig am Ende der Liste. Die Regierung kündigte an, künftig auch "Agentic AI" – also vollautonome, handlungsfähige Agenten – in die Kernprozesse der staatlichen Verfahren einzugliedern. KI-Systeme sollen hierbei nicht mehr nur Texte vorschlagen oder auf Fragen reagieren, sondern im Hintergrund gezielt selbstständig Verwaltungsakte vorbereiten, Daten konsolidieren und Bürgertermine autonom koordinieren.

🎯 Was das für die Praxis bedeutet

Von der reinen Chat-Assistenz zur behördlichen Autonomie: Österreich beweist strategischen Innovationsmut, die harmlose Chat-Oberfläche hinter sich zu lassen. Autonome KI-Agenten tief in der staatlichen Verwaltung könnten starre Bürokratieprozesse für Bürger künftig auf Bruchteile der heutigen Antwortzeiten reduzieren.

📰 Quellen
Bundeskanzleramt ↗
Teilen: