Jack Dorsey hat heute den vermutlich radikalsten KI-Umbau eines börsennotierten Tech-Unternehmens angekündigt: Block, die Muttergesellschaft von Square und Cash App, streicht über 4.000 Stellen — von mehr als 10.000 Mitarbeitern auf unter 6.000. Nicht wegen Problemen. Sondern weil Dorsey glaubt, dass ein kleineres Team mit KI mehr erreicht als ein großes ohne.
Rekordgewinne statt finanziellen Nöte
Das Bemerkenswerte an Dorseys Memo an die Belegschaft ist die Begründung. Kein Wort über Umsatzeinbrüche, keine Warnung vor einem schwierigen Marktumfeld. Im Gegenteil:
„Wir treffen diese Entscheidung nicht, weil wir in Schwierigkeiten sind. Unser Geschäft ist stark. Der Bruttogewinn wächst weiter, wir bedienen immer mehr Kunden, und die Profitabilität verbessert sich."
Was dann? Dorseys Antwort:
„Etwas hat sich verändert. Wir sehen bereits, dass die KI-Werkzeuge, die wir entwickeln und einsetzen, zusammen mit kleineren und flacheren Teams eine neue Art des Arbeitens ermöglichen, die grundlegend verändert, was es bedeutet, ein Unternehmen aufzubauen und zu führen. Und das beschleunigt sich rasant."
Block entlässt also nicht trotz guter Lage, sondern wegen einer grundlegend neuen Einschätzung dessen, was KI für die Unternehmensführung bedeutet.
Goose: Der KI-Agent, der den Umbau ermöglicht
Im Zentrum der Transformation steht Goose — ein von Block selbst entwickelter, interner KI-Agent, den das Unternehmen als Open Source veröffentlicht hat. Goose spart Mitarbeitern nach internen Messungen 8 bis 10 Stunden pro Woche. Unternehmensweit reduziert die KI manuelle Arbeitsstunden um 20 bis 25 Prozent.
Blocks CTO Dhanji Prasanna hat die KI-Nutzung Anfang Februar zur täglichen Pflicht gemacht — ein Schritt, der intern für erhebliche Unruhe sorgte. Doch die Zahlen haben Dorsey offenbar überzeugt: Wenn ein Tool ein Viertel der Routinearbeit eliminiert, braucht man langfristig weniger Menschen für die gleiche oder sogar bessere Leistung.
Lieber einmal hart als Jahre lang schleichend?
Dorsey begründet auch, warum er jetzt radikal kürzt statt schrittweise:
„Ich hatte zwei Optionen: schrittweise über Monate oder Jahre kürzen, während sich dieser Wandel vollzieht, oder ehrlich sein, wo wir stehen, und jetzt handeln. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Wiederholte Entlassungsrunden zerstören die Moral, den Fokus und das Vertrauen, das Kunden und Aktionäre in unsere Führungsfähigkeit setzen."
Die Betroffenen erhalten 20 Wochen Gehalt plus eine Woche pro Dienstjahr, Aktien bis Ende Mai, sechs Monate Krankenversicherung und 5.000 Dollar für den Übergang. Die Restrukturierung wird Block voraussichtlich 450 bis 500 Millionen Dollar kosten — ein Betrag, den das Unternehmen sich angesichts seiner starken Finanzergebnisse leisten kann.
Was das Signal für die Branche bedeutet
Block ist nicht das erste Unternehmen, das Stellen wegen KI streicht. Aber es ist eines der ersten, bei dem ein CEO offen ausspricht: Wir brauchen weniger Menschen, weil die Technologie besser geworden ist — und wir sagen das, bevor es ein systemisches Problem wird.
Die Wall Street feiert den Schritt: Blocks Aktienkurs stieg nachbörslich um über 26 Prozent. Analysten von Evercore ISI sprechen von einem „Wendepunkt" der KI-Ära für Software-Unternehmen. Das Signal an andere CEOs könnte kaum deutlicher sein — wer radikal auf KI setzt und die Belegschaft zusammenstreicht, wird vom Markt belohnt.
Block ist kein Einzelfall
Blocks Ankündigung fällt in eine Welle von Tech-Entlassungen. Am selben Tag kündigte eBay den Abbau von 800 Stellen an (6 Prozent der Belegschaft). Amazon hat allein in den letzten drei Monaten 30.000 Stellen gestrichen. Pinterest baut 15 Prozent der Belegschaft ab. Meta hat im Oktober mehrere hundert Stellen in seiner KI-Abteilung eliminiert.
Laut dem US-Outplacement-Unternehmen Challenger, Gray & Christmas wurden allein im Januar 2026 in den USA 108.435 Entlassungen angekündigt — 118 Prozent mehr als im Vorjahr und 205 Prozent mehr als im Dezember. Der schlimmste Jahresauftakt seit 2009.
Dorsey selbst deutet an, dass Block nur der Anfang ist. Sein Memo liest sich wie eine Vorhersage an die gesamte Branche: Wer KI ernsthaft integriert, werde mit weniger Leuten mehr erreichen. Und wer das nicht tue, werde abgehängt. Im Shareholder Letter an Investoren wird er noch deutlicher:
„Ich glaube nicht, dass wir zu früh dran sind mit dieser Erkenntnis. Ich glaube, die meisten Unternehmen sind zu spät. Innerhalb des nächsten Jahres (Anm.: 2026, Brief betrifft Q4/2025) wird die Mehrheit der Unternehmen zur gleichen Schlussfolgerung kommen und ähnliche strukturelle Veränderungen vornehmen. Ich komme lieber ehrlich und selbstbestimmt dort an, als reaktiv dazu gezwungen zu werden."
Für die rund 4.000 Betroffenen ist das freilich kein Trost. Die Frage, die Block aufwirft, wird uns künftig häufiger beschäftigen: Was passiert, wenn Unternehmen nicht schrumpfen müssen, sondern schrumpfen wollen — weil KI es erlaubt und im freien Wettbewerb auch notwendig macht?
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Gerade im DACH-Raum hält sich hartnäckig die Überzeugung, dass dieses Problem nicht drohe — wenn man es nur lang genug wegreden, beschwichtigen oder relativieren kann. KI sei gar nicht so gut. Das betreffe nur einfache Jobs. In Europa sei alles anders. Nicht einmal die wenigen durchgesickerten Meldungen — wie der KI-bedingte Abbau von 1.500 Stellen bei einer Allianz-Tochter im November — konnten diese Haltung erschüttern.
Anthropic-CEO Dario Amodei bringt es auf den Punkt:
„Dieser Tsunami kommt, und er ist so nah, dass wir ihn am Horizont sehen können. Aber die Leute kommen mit Erklärungen — ‚ach, das ist gar kein Tsunami, das ist nur eine optische Täuschung.'"
(Dario Amodei, übersetzt)
Und so wird auch Blocks Schritt die psychologischen Abwehrmechanismen mancher nur verstärken und die politischen Debatten über die notwendigen Weichenstellungen hinauszögern. Block ist ein US-Tech-Unternehmen, das ist was anderes. AI Washing. Dorsey übertreibt. Bei uns würde der Betriebsrat das verhindern. Und so weiter. Dabei ist es nicht so, als gäbe es nicht genug schlaue Stimmen, die vor diesen Verwerfungen warnen:
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