Die Prognosen von Emad Mostaque, Gründer von Stability AI und Kopf hinter Intelligent Internet, klingen auf den ersten Blick wie radikale Dystopie. In einem aktuellen Gespräch im Next Big Idea Podcast skizziert er in seiner „The Last Economy“-These den Zusammenbruch unserer Wirtschaftsordnung innerhalb von 1000 Tagen. Doch wer die Entwicklungen der letzten Monate verfolgt hat, erkennt: Mostaque ist kein einsamer Rufer in der Wüste. Er fasst lediglich zusammen, was der neue Konsens der KI-Elite ist.

Mostaque rechnet mit einem sogenannten „Hard Takeoff“ – einer explosionsartigen Entwicklung hin zu „Competent Intelligence and Agents“. Wenn Intelligenz zum Nulltarif verfügbar sei, werde klassische Wissensarbeit vollständig entwertet (Humans Turn into a Liability). Klassische Software werde abgelöst: „Software Becomes a Prompt“.

1000 Tage bis zum Kollaps? Ein Blick ins Archiv

Die These, dass wir in kaum drei Jahren vor einem massiven strukturellen Umbruch stehen, wirkt extrem – bis man sie mit den Vorhersagen der Industrie abgleicht. Microsofts AI-CEO Mustafa Suleyman prognostizierte bereits vor Wochen, dass die meisten Bürojobs in 12 bis 18 Monaten automatisiert seien. Dario Amodei (Anthropic) sieht die "reale Gefahr" ab 2027.

Mostaques Beschreibung, dass die Intelligenzkosten gegen null fallen, ist die exakte ökonomische Umsetzung dessen, was der Ökonom Anton Korinek unlängst eindringlich warnte: Wir befinden uns in einer „buckelförmigen Kurve“, an deren Ende ein beispielloser Lohnkollaps für Wissensarbeiter steht. Wenn eine KI-Agenten-Architektur („Software as a Prompt“) Aufgaben erledigt, für die sonst Heerscharen an Analysten nötig waren – eine Entwicklung, die Anthropic bereits massiv vorantreibt –, bricht die Geschäftsgrundlage traditioneller Dienstleister weg.

UBI und die Krypto-Rettung: Notwendigkeit oder Kapitulation?

Als Antwort auf diese tektonischen Verschiebungen fordert Mostaque ein radikales Umdenken: Ein bedingungsloses Grundeinkommen (UBI) durch den Staat zur Existenzsicherung sowie dezentrale On-Chain-Lösungen via Krypto-Netzwerke, um digitale Werte und Realitäten in einer von KI dominierten Welt überhaupt noch verifizieren zu können.

Auch hier setzt Mostaque nur die Puzzleteile zusammen, die längst auf dem Tisch liegen. Die britische Regierung berät bereits offen über ein UBI, während die IWF-Chefin Kristalina Georgieva von einem „Tsunami am Arbeitsmarkt“ spricht. Und selbst Anthropic, einer der Haupttreiber dieser Entwicklung, hat mit dem "Anthropic Institute" (unter Beteiligung von Anton Korinek) ein eigenes Institut gegründet, das genau diese gesellschaftlichen Schocks untersuchen soll. Die Forderung nach einem „Seed-UBI“ ist längst nicht mehr nur ein Nischenthema der Tech-Bros, sondern wird als bittere makroökonomische Notwendigkeit diskutiert.

Monopole, "Sovereign AI" und die Rückkehr zum Lokalen

Interessant ist Mostaques Diagnose über die KI-Anbieter selbst: Er warnt vor einer enormen Kommoditisierung der KI-Technologie und massiven Überkapazitäten. Gleichzeitig treiben Regierungen den Aufbau nationaler „Sovereign AI“-Infrastrukturen voran. Dies greift die Diskussion um Machtballung auf: Die Tatsache, dass das Training von Frontier-Modellen Milliarden kostet, führt zu natürlichen Monopolen, die von Korinek bis Altman (der eine IAEA für KI fordert) als zentrales Risiko gesehen werden.

Trotz dieser dystopischen Aussichten präsentiert Mostaque eine optimistische Perspektive: Er lehnt die transhumanistische Verschmelzung von Mensch und Maschine grundlegend ab („Against The Merge Mindset“). Stattdessen prognostiziert er eine „Great Reversal To Local Life“ – eine massive Rückbesinnung auf die physische Realität. Wenn Maschinen kognitive Leistung im Überfluss generieren, müssen Menschen wieder lokal neue Sinnstiftungen aufbauen („Building Meaning Together“).

📊 Fazit: Von der Dystopie zur Arbeitsrealität

Was wir bei Emad Mostaque sehen, ist nicht das raunende Prophezeien eines Einzelgängers. Es ist die Synthese aus Korineks Ökonomie, Amodeis Agenden und Altmans Sicherheitswarnungen. Die "Last Economy" ist keine ferne Science-Fiction, sondern der erklärte Fahrplan des Silicon Valleys für die nächsten "1000 Tage". Das bedeutet auch: Wer heute noch darauf hofft, in Weiterbildungscamps die nächste Generation an Prompt-Engineers auszubilden, übersieht den eigentlichen Schockpunkt. Die Werkzeuge optimieren uns nicht mehr – sie ersetzen uns.

🎯 Was das für die Praxis bedeutet

1. Radikale Neubewertung der Wertschöpfung: Wenn kognitive Aufgaben in den nächsten 12 bis 36 Monaten (Suleyman/Mostaque) auf Nullkosten fallen, müssen Unternehmen prüfen, was abseits des Bildschirms ihren Wert ausmacht.

2. Das Ende der SaaS-Illusion ("Software as a prompt"): Komplexe Softwarelandschaften werden durch intuitive KI-Agenten ersetzt. Wer heute stark investiert, baut möglicherweise proprietäre Silos für eine untergehende Ära.

3. Rückbesinnung auf Resilienz und Gemeinschaft: In Übereinstimmung mit Mostaques "Great Reversal to Local Life" werden physische Präsenz, menschliche Vertrauensnetzwerke und zwischenmenschliche Resilienz in einer post-kognitiven Arbeitswelt die wahren Differenzierungsmerkmale.

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📰 Quellen
Next Big Idea Podcast ↗
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