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Jobverlust und die Wahrheit über Programmierer
Die Zeiten, in denen Informatikstudenten eine Jobgarantie auf Lebenszeit gebucht hatten, sind endgültig vorbei. Das ist die unmissverständliche Kernbotschaft von Andrew Yang, Gründer und CEO von Noble Mobile, in seinem aktuellen Interview bei CNBC. Wer jungen Menschen heute rät, Programmieren zu lernen, schickt sie laut Yang mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Arbeitslosigkeit.
Yang stützt sich dabei auf Beobachtungen direkt aus der Tech-Branche. So verweist er auf ein junges Unternehmen, das autonome Programmiersysteme an Großkonzerne verkauft und dessen Umsatz sich innerhalb von nur zwölf Monaten verhundertfacht hat. Die logische Konsequenz: Technikbudgets, die früher für die Rekrutierung menschlicher Softwareentwickler reserviert waren, fließen nun in KI-Agenten, die nicht schlafen und deutlich günstiger skalieren. Schon jetzt sinken die Einstellungsquoten für frische Informatik-Absolventen spürbar.
Von White-Collar-Jobs bis zum Transportsektor
Doch es trifft längst nicht nur Programmierer. Yang zitiert Dario Amodei, den CEO von Anthropic, mit der Prognose, dass in den kommenden Jahren bis zu 50 Prozent der Büro-Einstiegsjobs wegrationalisiert werden könnten. Wenn man bedenkt, dass allein in den USA über zwei Millionen Menschen in Bereichen wie dem telefonischen Kundenservice arbeiten – einer Sparte, die zur vollständigen Automatisierung prädestiniert ist –, wird das Ausmaß der anstehenden Verwerfungen am Arbeitsmarkt deutlich. Noch brisanter wird es, wenn man auf den Transportsektor blickt: Lkw-Fahrer ist der häufigste Beruf in 28 US-Bundesstaaten. Wenn diese Arbeitsplätze durch autonome Systeme wegfallen, drohen weitreichende soziale Unruhen. Yang beschreibt die potenziellen Folgen ganz ohne beschönigende Rhetorik mit "Riots in the streets".
Die Besteuerung von KI-Agenten
Wie kann und muss die Politik auf diese akute Bedrohung reagieren? Andrew Yang und überraschenderweise auch Anthropic-Chef Amodei plädieren für einen unkonventionellen, radikalen Kurswechsel in der Steuergesetzgebung. Statt die schrumpfende menschliche Erwerbsarbeit zu besteuern und damit künstlich weiter zu verteuern, müsse die Besteuerung auf die produktiven KI-Agenten selbst verlagert werden. Nur so lasse sich der absehbare Bruch des gesellschaftlichen Fundaments überhaupt noch abdämpfen.
Das Pentagon und First Amendment
Ein weiteres brisantes Thema des rund elfminütigen Interviews ist der anhaltende Konflikt zwischen Anthropic und dem Pentagon. Das US-Verteidigungsministerium nutzt einerseits die hochentwickelten Modelle, diffamiert das amerikanische Unternehmen aber gleichzeitig öffentlich als fragwürdigen Akteur oder gar Sicherheitsrisiko. Yang sieht hier eine starke juristische Position für Anthropic. Er vermutet, dass hinter den vorgeschobenen Sicherheitsbedenken der Regierung eigentlich handfeste Kontrollversuche stecken, die im Kern Fragen der Meinungsfreiheit und des First Amendment berühren.
Das Gespräch macht am Ende sehr deutlich, dass sich die KI-Entwicklung inzwischen in einem so extremen exponentiellen Anstieg – einem "Hockey Stick" – befindet, dass die ökonomischen Einschläge das Gesellschaftsgefüge nicht erst in einem fernen Jahrzehnt testen werden. Investoren, Tech-CEOs und Beobachter bereiten sich aktuell ganz konkret auf die massiven Verwerfungen der nächsten zwölf Monate vor.