Nach Block, Amazon, WiseTech, Meta und Oracle trifft es jetzt den nächsten Software-Riesen: Atlassian streicht rund 1.600 Stellen — zehn Prozent der gesamten Belegschaft. CEO Mike Cannon-Brookes erklärte in einem Blogbeitrag, man wolle damit weitere Investitionen in KI und den Unternehmensvertrieb „selbst finanzieren".

Die Formulierung ist bemerkenswert ehrlich — und gleichzeitig widersprüchlich. „Unser Ansatz ist nicht: KI ersetzt Menschen", schrieb Cannon-Brookes. Doch im selben Absatz räumte er ein: „Es wäre unaufrichtig, so zu tun, als würde KI nichts an der Zusammensetzung der benötigten Fähigkeiten oder der Anzahl der erforderlichen Stellen in bestimmten Bereichen ändern." Übersetzt: KI ersetzt keine Menschen — aber 1.600 Menschen müssen trotzdem gehen, weil KI die Arbeit verändert.

Vor allem Software-Entwickler betroffen

Laut einem Bericht des Guardian fallen rund 900 der gestrichenen Stellen im Softwarebereich weg — also ausgerechnet dort, wo KI-Tools wie Code-Assistenten am schnellsten Fortschritte machen. Der Schwerpunkt der Entlassungen liegt in den USA (ca. 640 Stellen), Australien (ca. 480) und Indien (ca. 250). Zusätzlich soll CTO Rajeev Rajan Ende März das Unternehmen verlassen.

Die Kosten der Restrukturierung sind erheblich: In einer Mitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC bezifferte Atlassian die Gesamtkosten auf 225 bis 236 Millionen Dollar — davon rund 170 Millionen für Abfindungen und knapp 60 Millionen für die Verkleinerung von Büroflächen.

Aktie im freien Fall — die SaaS-Angst geht um

Atlassians Aktienkurs hat seit Jahresbeginn über 50 Prozent verloren. Von den Höchstständen bei über 450 Dollar im Jahr 2021 sind mit aktuell rund 75 Dollar nur noch Bruchteile übrig. Wie Heise berichtet, ist Atlassian am Markt zu einer der am stärksten bedrohten Softwarefirmen geworden. Die Logik dahinter: Wenn KI Mitarbeiter in Unternehmen ersetzt, brauchen diese Unternehmen weniger Software-Lizenzen. Und wenn KI gleichzeitig das Programmieren vereinfacht, geraten die Margen der Hersteller zusätzlich unter Druck.

Cannon-Brookes hält dagegen: Cloud-Umsatz wachse um 25 Prozent, das KI-Tool Rovo habe bereits fünf Millionen monatlich aktive Nutzer. Wirklich profitabel ist Atlassian allerdings seit 2017 nicht — und das in einer Branche, in der die Börse mittlerweile genau hinschaut, ob KI-Investitionen tatsächlich etwas bringen.

Das Muster wird immer deutlicher

Atlassian reiht sich nahtlos in die Welle ein, die sich seit Wochen durch die Tech-Branche zieht:

Die Reaktion der Börse ist dabei das eigentlich Verstörende: Während Tausende ihren Job verlieren, steigt der Aktienkurs. Für Investoren ist der Abbau kein Warnsignal — sondern ein Zeichen, dass das Unternehmen „endlich handelt". Wer Mitarbeiter durch günstigere KI-Prozesse ersetzt, wird belohnt.

🎯 Was das für die Praxis bedeutet

1. Software-Entwickler im Zentrum des Umbaus: Bei Atlassian fallen über die Hälfte der Stellen im Softwarebereich weg. Code-Assistenten und KI-gestützte Entwicklung machen kleinere Entwicklerteams möglich — diesen Trend ignoriert kein Unternehmen mehr.

2. Die Doppelmoral der CEOs: „KI ersetzt keine Menschen" und „1.600 Leute müssen gehen" in einem Blogpost — das ist die Kommunikationsstrategie, auf die sich die Tech-Branche geeinigt hat. Wer Job-Sicherheit sucht, sollte auf die Zahlen schauen, nicht auf die Worte.

3. SaaS-Geschäftsmodelle unter Druck: Atlassian und Oracle haben eines gemeinsam: Beide Aktien haben seit ihren Hochs über 50 Prozent verloren. Die Börse traut klassischen Softwarefirmen nicht mehr zu, im KI-Zeitalter zu bestehen. Wer Software pro Nutzer verkauft, hat ein Problem, wenn KI dafür sorgt, dass weniger Nutzer gebraucht werden.

📰 Quellen
Atlassian Blog ↗ Heise Online ↗ Finanztrends ↗ The Guardian ↗ SEC Filing ↗
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