Ein Datenleck bei Anthropic machte Ende März fast 3.000 unveröffentlichte Dokumente zugänglich und enthüllte dabei erstmals das Modell Mythos. Anthropic stellte das System später offiziell als Claude Mythos Preview im Rahmen von Project Glasswing vor. Laut Fortune enthielt der öffentlich erreichbare Cache interne Blog-Entwürfe zu einem Modell, das Claude Opus 4.6 vor allem bei Softwareentwicklung, wissenschaftlichem Denken und Cybersicherheit übertreffen sollte.
Was ist Mythos?
Den geleakten Dokumenten zufolge handelt es sich bei Mythos um eine völlig neue Modellklasse - eine Stufe über dem aktuellen Opus-Flaggschiff. Neben Mythos (v1) existiert offenbar eine Weiterentwicklung namens Capybara (v2). Beide Modelle sollen dramatische Fortschritte bei Software-Entwicklung, akademischem Reasoning und Cybersecurity zeigen.
Besonders brisant: Anthropics eigene interne Bewertungen stufen die Modelle als Hochrisiko ein - konkret wegen ihrer autonomen Fähigkeiten im Bereich Cybersecurity. Das Unternehmen soll den initialen Zugang deshalb auf eine kleine Gruppe von Sicherheitsexperten und Cyberverteidigern beschränken wollen.
Wie kam es zum Leak?
Anthropic selbst spricht von einem „menschlichen Fehler" im Content-Management-System. Interne Dokumente und unveröffentlichte Blog-Entwürfe seien versehentlich in einem öffentlich zugänglichen Cache gelandet, wie Fortune berichtet. Cybersecurity-Forscher entdeckten den Datensatz und machten ihn zugänglich - darunter auf einer archivierten Seite, die den vollständigen Inhalt der geleakten Blogposts dokumentiert.
Die strategische Dimension
In der KI-Community sorgt das Leak für intensive Diskussionen. Mythos werde intern als „Claude Opus 5" gehandelt - kein inkrementelles Update, sondern ein fundamentaler Sprung, wie der KI-Analyst Rohan Paul einordnet. Der Release soll für Q3 2026 geplant sein und stehe in direktem Zusammenhang mit Anthropics geplantem Börsengang, wie Branchenbeobachter spekulieren.
Die geleakten Dokumente enthüllen außerdem Details zu einem geheimen CEO-Retreat in einem englischen Herrenhaus, bei dem Dario Amodei die unveröffentlichten Fähigkeiten einem ausgewählten Kreis präsentieren wollte. Das Modell soll auf NVIDIAs kommende Vera-Rubin-GPUs angewiesen sein - die rechenintensivste Architektur, die Anthropic je eingesetzt hat.
Parallel arbeite OpenAI mit dem Codenamen „Spud" an einem vergleichbaren Modellsprung. Intern habe OpenAI seine Abteilung zu „AGI Deployment" umbenannt, wie auf X diskutiert wird.
Was sich später bestätigte
Anthropic präsentierte Claude Mythos Preview und Project Glasswing offiziell als defensives Cybersicherheitsprogramm mit ausgewählten Partnern. Damit bestätigten sich Name, Sicherheitsfokus und eingeschränkter Zugang. Andere Punkte aus den geleakten Unterlagen und Community-Beiträgen, darunter Capybara, ein möglicher Börsengang, ein CEO-Retreat, Vera-Rubin-Abhängigkeiten und der OpenAI-Codename „Spud“, bleiben damalige Berichte oder Spekulationen und sind nicht Teil der offiziellen Glasswing-Ankündigung.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. Herstellerangaben getrennt bewerten: Die offizielle Vorstellung bestätigt Modellname und Einsatzgebiet. Leistungsangaben aus Leaks und internen Entwürfen benötigen weiterhin unabhängige Tests.
2. Sicherheit als Engpass: Dass Anthropic das Modell selbst als Hochrisiko einstuft und den Zugang begrenzen will, zeigt: Die stärksten KI-Systeme werden nicht sofort für alle verfügbar sein.
3. Gerüchte als solche dokumentieren: Hinweise auf Capybara, „Spud" oder mögliche Veröffentlichungstermine bleiben relevant für die damalige Debatte, dürfen aber nicht mit der bestätigten Glasswing-Ankündigung vermischt werden.
4. Zugang realistisch planen: Claude Mythos Preview wurde zunächst für ausgewählte Sicherheitspartner positioniert und war kein allgemein verfügbares Standardmodell.


