Jahrzehntelang und teils über Jahrhunderte galten sie als unlösbare Rätsel der Menschheitsgeschichte: verschlüsselte Kriegsbriefe, abgefangene Funksprüche und geheimnisvolle handschriftliche Symbole, an denen Generationen von Forschern verzweifelten. Binnen weniger Tage haben unabhängige Entwickler mit OpenAIs Flaggschiff GPT-6 Astra zwei historische Legenden der Geheimschriften geknackt.
Erst dechiffrierte ein Software-Entwickler eine seit 1941 ungebrochene Wehrmacht-Enigma-Botschaft. Nun fiel auch die 217 Jahre alte Marmont-Chiffre Napoleons aus dem Jahr 1809 - und schloss ganz nebenbei eine historische Textlücke in Napoleons gesammelten Werken.
Was diese Durchbrüche auszeichnet, ist die veränderte Natur der Problemlösung. Es handelte sich in beiden Fällen nicht um professionelle Kryptologen, die jahrelang Archive durchforsteten, sondern um Software-Ingenieure, die dem Modell ein klares Ziel vorgaben.
Astra übernahm die multimodale Transkription, formulierte statistische Hypothesen, programmierte eigenständig Simulatoren in C++ und Python und führte die Dechiffrierung vollautomatisch durch.
Zehn Stunden für ein 85 Jahre altes Enigma-Rätsel
Den Auftakt machte die Heeres-Enigma-Nachricht „MVUEH“ vom 10. Juli 1941. Die kurze, 82 Zeichen umfassende Funknachricht stammte von einem Soldaten, der Standortkoordinaten im Ort Rosenow durchgab und dringend Marschanweisungen erbat.
Seit 2005 stand die Botschaft auf der offiziellen Liste ungelöster Funksprüche des renommierten Portals Crypto Cellar Research. Zahlreiche erfahrene Kryptologen bissen sich daran über zwei Jahrzehnte lang die Zähne aus.
Carter Leffen, Produktentwickler bei Bloomberg in New York, übergab das Problem an OpenAIs Modellvariante „GPT-6 Astra Extra High“, wie The Decoder berichtet. Nach rund zehn Stunden Modellrechenzeit stand die vollständige Lösung.
Astra analysierte zunächst das Archiv ungelöster Nachrichten. Es erkannte inhaltliche Parallelen zu einem bereits entzifferten Funkspruch desselben Tages und isolierte den Ortsnamen „ROSENOW ROSENOW“ als wahrscheinlichen Klartext-Ansatz (Crib).
Das Modell begnügte sich jedoch nicht mit Prompt-Texten: Es entwickelte eigenständig ein vollständiges Software-Paket in Python und C++, bestehend aus einem Enigma-Simulator und einer digitalen Turing-Bombe.
Damit fand Astra die exakte Walzenlage (253 statt des sonst üblichen Tagesschlüssels 512) und identifizierte einen tückischen Fehler im Original: Beim 72. Buchstaben hatte sich die linke Walze der Enigma-Maschine weitergedreht - ein seltener Übertrag, der frühere Lösungsversuche scheitern ließ.
Der renommierte Enigma-Experte Frode Weierud, der das Portal Crypto Cellar betreibt, überprüfte den Schlüssel und zeigte sich tief beeindruckt: Das Modell habe sich wie ein hochprofessioneller Kryptanalyst verhalten und in zwei Tagen Ergebnisse erzielt, für die menschliche Forscher Wochen oder Monate bräuchten. Bemerkenswert: Astra zitierte in seinen Logs sogar korrekte, nicht öffentlich verlinkte Aktenzeichen des Bundesarchivs (RS 3-3/20a und RS 3-3/63b).
Napoleons Dalmatien-Krise: Ein Brief für einen isolierten General
Inspiriert von Leffens Enigma-Coup nahm sich der KI-Ingenieur Carter Church ein noch älteres Rätsel vor: die sogenannte Marmont-Chiffre aus den Napoleonischen Kriegen. Das Dokument galt auf Satoshi Tomokiyos Referenzportal Cryptiana als praktisch unlösbar.
Der bisherige Forschungsstand lautete lapidar: „There is nothing to work on“ - es gebe keine lesbare Arbeitsbasis, da kein Klartextschlüssel existiere und der Text nur als verwaschene Schwarz-Weiß-Tafel in einer französischen Militärzeitschrift von 1969 überliefert war.
Die historische Ausgangslage war brisant: Im Frühjahr 1809 rüstete das Kaisertum Österreich zum Revanchekrieg gegen Frankreich. Napoleon hatte seine besten Regimenter in Spanien gebunden. Auf der anderen Seite der Adria, im besetzten Dalmatien, stand General Auguste de Marmont an der Spitze von rund 13.000 französischen Elite-Soldaten.
Zwischen Marmont und allen verbündeten Truppen lag feindliches österreichisches Territorium. Sollte der Krieg ausbrechen, war Marmont der am stärksten isolierte Befehlshaber des gesamten Kaiserreichs.
Am 16. März 1809 schrieb Napoleon aus Paris an seinen Stiefsohn Eugène de Beauharnais, den Vizekönig von Italien. Der Kaiser befahl, Marmont die exakten Truppenstärken und Standorte aller alliierten Armeen zu übermitteln - zwingend „in einem verschlüsselten Brief und durch einen intelligenten Offizier“.
Genau dieser Brief überlebte in den Militärarchiven. Seine erste Zeile war in klarem Französisch verfasst, gefolgt von 24 dicht beschriebenen Zeilen aus Zahlen, griechischen Buchstaben und frei erfundenen Geheimzeichen.
Vom Bild zum Schlüssel: Sechs Stunden multimodale Kryptoanalyse
Carter Church startete das Experiment mit einem einzigen Bild: dem 1.202 × 1.836 Pixel großen Scan aus der Militärzeitschrift von 1969. In rund sechs Stunden reiner Rechenzeit vollbrachte Astra eine Leistung, die in der klassischen Forschung zwei getrennte Berufsfelder erfordert: paläografische Transkription und mathematische Kryptoanalyse.
Zunächst zerlegte das Modell den Scan zeilenweise und identifizierte 1.300 handschriftliche Einheiten. Aus 175 handschriftlichen Varianten destillierte Astra 155 eigenständige Chiffre-Symbole.
Da es sich um eine homophone Chiffre handelte - bei der häufige Buchstaben wie das französische „E“ durch viele verschiedene Zahlen und Symbole verschleiert werden - liefen einfache Häufigkeitsanalysen ins Leere.
Astra kombinierte daraufhin historische Fragmente: Es band 33 bekannte Buchstabenwerte ein, die der französische Historiker Daniel Tant für die Codes von Vizekönig Eugène dokumentiert hatte. Für die verbleibenden zwei Drittel des Alphabets schrieb das Modell einen eigenen Optimierungs-Algorithmus (Simulated Annealing).
Der Solver bewertete Buchstabenfolgen anhand statistischer n-Gramme aus zeitgenössischer französischer Literatur. Sobald ein Zeichen die Grammatik zerstörte, testete Astra, ob es sich um ganze Wörter handelte. Das Modell entdeckte 29 eigenständige Wort-Chiffren für Schlüsselbegriffe wie „de“, „que“, „les“, „vous“ oder „général“.
Um Halluzinationen auszuschließen, ließ Church das Modell den gesamten Vorgang ohne historische Texte im Speicher wiederholen: Astra rekonstruierte exakt denselben Schlüssel.
| Historische Chiffre | Marmont-Brief (1809) | Enigma MVUEH (1941) |
|---|---|---|
| Historischer Kontext | Lagebericht an General Marmont vor Österreich-Feldzug | Wehrmacht-Standortmeldung und Marschbefehl (Rosenow) |
| Status vor KI-Einsatz | 217 Jahre ungelöst; Chiffrier-Tafel galt als unauffindbar | Seit 2005 ungelöst auf Crypto Cellar Research |
| Modell & Rechenzeit | GPT-6 Astra, ca. 6 Stunden Ausführungszeit | GPT-6 Astra Extra High, ca. 10 Stunden |
| Methodischer Durchbruch | Transkription aus verwaschenem Scan, Simulated Annealing | Eigener Enigma-Simulator & Bombe in C++/Python, Walzenübertrag |
| Unabhängige Validierung | Satoshi Tomokiyo (Cryptiana Archive) | Frode Weierud (Crypto Cellar Research) |
Gelöste Textlücke: Was Napoleon vor 217 Jahren wirklich meinte
Die vollständige Entzifferung des Dokuments liefert faszinierende Einblicke in die napoleonische Militärdoktrin und korrigiert die Geschichtsschreibung. Bislang wurde das Dokument in Verzeichnissen auf das Jahr 1807 datiert.
Durch den entschlüsselten Text und den Abgleich mit den Truppenbewegungen steht nun fest: Der Brief entstand in den letzten Märztagen 1809, exakt zwei Wochen vor dem österreichischen Einmarsch in Bayern.
Besonders bemerkenswert: Die Dechiffrierung schließt eine historische Lücke in Napoleons gedruckter Korrespondenz. In der offiziellen Gesamtausgabe von 1865 bricht der kaiserliche Marschbefehl an einer entscheidenden Stelle mit einer Reihe von Punkten ab.
Napoleon forderte seinen General auf, sich nicht einschüchtern zu lassen „par une poignée de . . . . . . . .“ - von einer Handvoll, gefolgt von einer Lücke, die Historiker seit 160 Jahren beschäftigte.
Die nun entzifferte Empfängerfassung der Chiffre offenbart den unzensierten Klartext: Marmont solle sich auf keinen Fall beeindrucken lassen von „quelques troupes ou un rassemblement de canailles“ - von ein paar feindlichen Soldaten oder einer Ansammlung von Gesindel. Gemeint war die neu formierte österreichische Landwehr und kroatische Grenzmiliz, die Marmonts Truppen wenig später im Gebirge attackierte.
Zudem entpuppt sich der an Marmont übermittelte Bericht als gezielte psychologische Beruhigung: Während die Angaben über österreichische Truppenkonzentrationen in Laibach, Klagenfurt und Salzburg verblüffend präzise waren, übertrieb Paris die eigene Stärke maßlos. So wurde behauptet, die russische Armee marschiere bereits gegen Österreich. In Wahrheit hielt Zar Alexander seine Truppen zurück und marschierte erst ein, als der Feldzug im Juni fast entschieden war.
Archive vor dem Dammbruch
Ökonomische Hürde fällt: Historische Chiffren blieben nicht ungelöst, weil sie mathematisch unknackbar waren, sondern weil menschliche Spezialisten wochenlang Zeichen zählen mussten. Diese manuelle Arbeit war für Archive schlicht unbezahlbar.
Demokratisierung der Kryptanalyse: Weder Carter Leffen noch Carter Church sind ausgebildete Kryptologen. Dass interessierte Laien mit Frontier-Modellen jahrzehntealte Rätsel in Feierabendarbeit lösen, verschiebt das Machtgefüge der Forschung.
Flut neuer Einreichungen: Satoshi Tomokiyo, Kurator des führenden Chiffren-Archivs Cryptiana, gab bekannt, dass Lösungen derzeit schneller bei ihm eintreffen, als er sie redaktionell dokumentieren kann.
Vom Historien-Coup zur modernen Sicherheitsdebatte
Die Begeisterung der Historiker hat jedoch eine ernste Kehrseite, die nahtlos an die aktuelle Sicherheitsdebatte um Frontier-Modelle anknüpft. Dass ein KI-Modell aus einem Bild heraus autonom kryptographische Schwachstellen analysiert, C++-Simulatoren kompiliert und statistische Angriffs-Pipelines orchestriert, belegt Fähigkeiten, die weit über das Entziffern historischer Briefe hinausreichen.
Bereits bei der Veröffentlichung stufte OpenAI sein Modell Astra intern als cyber-kritisch ein. Erst vor wenigen Tagen schlug zudem Sicherheitsforscher Alarm, weil Modelle wie Chinas GLM-5.3 autonome Cyber-Exploits ohne wirksame Schutzschranken entwickeln können.
Dieselben Denk- und Werkzeugfähigkeiten, die eine 85 Jahre alte Enigma knacken, lassen sich auf moderne kryptographische Implementierungen, Protokoll-Schwachstellen und Reverse Engineering anwenden.
Für Museen, Bibliotheken und Geschichtswissenschaftler überwiegt dennoch der historische Nutzen: Tausende unerschlossene Aktenbündel in europäischen Archiven, die wegen ihres Chiffre-Status seit Jahrhunderten unbeachtet in Kartons lagern, könnten in den kommenden Monaten erstmals ihr Schweigen brechen.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. Multimodale Reasoning-Pipelines nutzen: Die Kombination aus Bilderkennung für verwaschene Dokumente und autonomer Code-Erstellung für mathematische Solver löst hochkomplexe Datenextraktions-Probleme, an denen reine Textextraktion bisher scheiterte.
2. Historische Archive digitalisieren: Institutionen und Unternehmen mit unerschlossenen historischen Aktenbeständen sollten hochauflösende Scans priorisieren. Der Flaschenhals liegt nicht mehr bei der manuellen Entzifferung, sondern bei der Bildqualität.
3. Krypto-Sicherheit auf Post-Quantum umstellen: Die Geschwindigkeit, mit der Frontier-Modelle algorithmische Schwächen und Implementierungsfehler in klassischen Chiffren ausnutzen, unterstreicht die Dringlichkeit moderner, zukunftssicherer Verschlüsselungsstandards.



