Mehr als 200 führende Wirtschaftswissenschaftler, KI-Forscher und Tech-Führungskräfte haben am Montag einen gemeinsamen offenen Brief unter dem Titel We Must Act Now veröffentlicht. Die Botschaft: Künstliche Intelligenz könnte die Weltwirtschaft stärker umwälzen als die Industrielle Revolution - nur in einem Bruchteil der Zeit.
Organisiert hat die Initiative das Stanford Digital Economy Lab unter Federführung von Ökonom Erik Brynjolfsson, gemeinsam mit Ajay Agrawal (University of Toronto), Anton Korinek (University of Virginia und Anthropic) sowie Tom Cunningham (METR). Das Ergebnis: ein 88 Wörter kurzes Statement, das es in sich hat.
16 Nobelpreisträger unter den Unterzeichnern
Was den Brief von früheren KI-Warnungen unterscheidet: die Unterzeichnerliste. 16 Wirtschaftsnobelpreisträger haben unterschrieben, darunter Joseph Stiglitz, Daron Acemoglu, Simon Johnson, Paul Krugman und Michael Spence. Dazu kommen prominente Tech-Führungskräfte wie Ex-Google-CEO Eric Schmidt, LinkedIn-Mitgründer Reid Hoffman, Anthropic-Mitgründer Jack Clark, Google-DeepMind-Chefwissenschaftler Jeff Dean, OpenAI-Finanzchefin Sarah Friar und Investor Vinod Khosla. Auch die KI-Pioniere Yoshua Bengio und Yann LeCun stehen auf der Liste.
Besonders bemerkenswert: Gerade Acemoglu und Johnson galten bisher als Skeptiker der These, dass KI alle Arbeitsplätze vernichten werde. Dass beide jetzt unterschrieben haben, werten Beobachter als deutlichen Stimmungswechsel innerhalb der Zunft. Laut Brynjolfsson sei das Ziel, die Wirtschaftswissenschaft dazu zu bringen, das disruptive Potenzial von KI deutlich ernster zu nehmen.
Der Kern des Statements
Die zentrale Warnung lautet, dass KI in den nächsten zehn Jahren radikal leistungsfähiger werden könne. Die wirtschaftliche Transformation, die daraus folge, könne die Industrielle Revolution in ihrem Ausmaß übertreffen - nur eben in einem deutlich kürzeren Zeitrahmen. Die Unterzeichner sehen sowohl massive Risiken durch Massenarbeitslosigkeit als auch Chancen für deutlich höheren Lebensstandard.
Ihre Forderung: Ökonomen, Politiker und Technologieführer müssten sofort handeln, um die richtigen Anreize, Leitplanken und Institutionen zu schaffen. KI solle Menschen ergänzen, nicht einfach ersetzen. Es brauche dafür alle verfügbaren Kräfte.
Kein Pausenruf, sondern Gestaltungsaufruf
Anders als das vieldiskutierte, auf die Kontrolle großer Rechenzentren ausgerichtete AI-2040-Szenario oder frühere Moratoriums-Forderungen richtet sich der offene Brief gezielt an die ökonomische Fachwelt. Es geht nicht um einen KI-Stopp, sondern um Vorbereitung. Die Ökonomen wollen verstehen, wie die Gesellschaft den Übergang gestalten kann - bevor es zu spät ist.
Das Timing passt ins Bild: Allein im ersten Halbjahr 2026 haben Unternehmen wie Block, Meta und Atlassian zehntausende Stellen gestrichen. IWF-Chefin Kristalina Georgieva sprach in Davos von einem Tsunami, der den Arbeitsmarkt treffe. Ökonom Korinek, einer der vier Organisatoren des Briefs, hatte bereits im Februar in einem vielbeachteten Video erklärt, warum das 250 Jahre alte Versprechen, dass Automatisierung bessere Jobs schaffe, diesmal brechen könnte.
Die Frage, ob KI mehr Jobs schafft als zerstört, beantworten die Unterzeichner mit dem Hinweis, dass man es zwar nicht wisse, sich aber vorbereiten müsse. Brynjolfsson bezeichnet dies als Diskrepanz zwischen dem rasanten Tempo der Technologie und der mangelnden Vorbereitung. 16 Nobelpreisträger halten diese Diskrepanz offenbar für gefährlich genug, um gemeinsam den Alarm auszulösen.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. KI-Auswirkungen auf Geschäftsmodelle prüfen: Wenn 16 Nobelpreisträger den wirtschaftlichen Wandel für gravierender halten als die Industrielle Revolution, sollten Unternehmer ihre eigene Branche kritisch durchleuchten - nicht erst in fünf Jahren.
2. Weiterbildung priorisieren: Die Unterzeichner fordern, dass KI Menschen ergänzt statt ersetzt. Dafür braucht es aktive Investition in neue Kompetenzen der Belegschaft - jetzt, nicht irgendwann.
3. Politische Entwicklungen beobachten: Der Brief wird politische Diskussionen beschleunigen. Wer sich frühzeitig mit möglichen Regulierungen, Arbeitsmarktprogrammen und institutionellen Veränderungen befasst, kann sich besser positionieren.




