Unsere Einordnung

Es ist ein bemerkenswerter Moment: Der amtierende US-Vizepräsident sitzt bei Steven Bartlett und redet fast 20 Minuten lang über Künstliche Intelligenz. Nicht in Talking Points, nicht in Tech-Euphorie – sondern mit einer Analyse, die überrascht. JD Vance zeichnet ein Bild von KI, das sich fundamental von dem unterscheidet, was Silicon Valley predigt.

Die Marketing-Masche der Dystopie

Vance beginnt mit einer Beobachtung, die sitzt: Die düsteren Warnungen der KI-Chefs seien zu einem guten Teil virales Marketing. Wenn Sam Altman oder Elon Musk apokalyptische Szenarien malen, dann auch deshalb, weil Angst vor einem Produkt suggeriert, dass es wirklich funktioniert. „If people are really scared of your product, that must mean that it really works." Ein zynischer Gedanke – aber einer, den er nicht grundlos äußert.

Nicht Massenarbeitslosigkeit, sondern Massenungleichheit

Dann räumt er mit dem beherrschenden Narrativ auf. KI werde nicht zu massenhafter Arbeitslosigkeit führen, sagt Vance. Er zieht eine historische Parallele: Auch die Industrielle Revolution habe am Ende mehr Arbeitsplätze geschaffen, als sie vernichtet hat. Jobs würden sich verändern, manche verschwinden, aber Massenarbeitslosigkeit? Daran glaube er nicht.

Was ihn wirklich beunruhigt, ist etwas anderes: Die Industrielle Revolution habe nicht primär Arbeitslosigkeit verursacht – sie habe Reiche drastisch reicher gemacht. In Europa führte das zu Faschismus und Kommunismus. Und genau dieses Muster sieht er bei KI wieder auftauchen. Die durchschnittlichen Amerikaner und Briten würden stagnieren, während sich bei Unternehmen wie OpenAI und Anthropic Vermögen in historischem Ausmaß ansammelt.

„You can give people iPhones and you can give people the creature comforts of a 21st century economy, but if you make rich people way richer, you are going to have significant problems."

KI als „kommunistische Technologie"

Dann kommt Vances zweite große Sorge, und es ist eine, die man vom republikanischen Vizepräsidenten nicht unbedingt erwarten würde: Überwachung. Er zitiert einen Freund, der KI als „fundamentally a communist technology" bezeichnet hat – weil sie Regierungen und Konzernen beispiellose Überwachungsmöglichkeiten gibt. Kein Social-Credit-System, das per Algorithmus bestimmt, ob man ein Bier kaufen darf. Kein Tech-CEO, der Bürger nach einem Score bewertet, den niemand versteht.

Staatsbeteiligung an KI-Unternehmen

Was folgt, ist politisch brisant: Präsident Trump unterstütze die Idee, dass die USA als eine Art Staatsfonds Anteile an den großen KI-Unternehmen halten. Vance nennt Trump einen „radical pragmatist" – unideologisch, offen für Ideen wie diese, selbst wenn sie nicht ins klassisch republikanische Weltbild passen. Selbst Bernie Sanders' Vorschlag, dass die Bevölkerung 50 Prozent an den KI-Firmen halten solle, gefalle dem Präsidenten grundsätzlich.

Gleichzeitig ist Vance skeptisch gegenüber reiner Umverteilung. Einfach die Reichen besteuern und das Geld an Ärmere verteilen – das mache die Empfänger zu Abhängigen. Stattdessen müssten Arbeitnehmer einen echten Platz am Verhandlungstisch bekommen. Gewerkschaften seien hier ein wichtiges Modell. Er verweist auf die christliche Soziallehre, konkret auf Papst Leo XIII., der bereits Ende des 19. Jahrhunderts argumentiert habe, dass sozialer Friede nur durch Tarifverhandlungen auf Augenhöhe möglich sei.

Die kulturelle Dimension

Vance geht noch weiter: Was passiert, wenn KI die Kultur verändert – die Inhalte, die wir konsumieren, produzieren, verbreiten? In den 1950ern und 60ern habe Hollywood freiwillig mit religiösen Führern zusammengearbeitet, um sicherzustellen, dass Inhalte mit gesellschaftlichen Grundwerten vereinbar waren. Nicht per Gesetz, sondern als sozialer Mechanismus. Diesen Mechanismus gebe es heute nicht mehr – und der Niedergang des institutionellen Christentums sei ein Grund dafür, dass mächtige Akteure keinen solchen Korrektiv mehr hätten.

Einordnung

Vances KI-Analyse ist ungewöhnlich für einen amtierenden Vizepräsidenten: weder techno-optimistisch noch panikgetrieben. Die Kombination aus historischen Parallelen, Skepsis gegenüber Überwachung und der offenen Diskussion über staatliche Beteiligungen an KI-Firmen zeigt, dass die KI-Debatte in den höchsten politischen Kreisen der USA angekommen ist – auf eine Art, die nicht dem üblichen parteilichen Schema folgt.