Starbucks gehört zu den größten Software-Einkäufern im Einzelhandel - und will genau das ändern. Wie das Wirtschaftsmagazin Fortune berichtet, entwickelt der Kaffeekonzern mit KI-gestützten Programmierwerkzeugen eigene interne Anwendungen, die gekaufte Standardsoftware von Microsoft, IBM und Oracle ersetzen sollen. Das Ziel ist simpel: weniger Lizenzgebühren.
Rund 400 Millionen US-Dollar gibt Starbucks demnach jährlich allein für Software aus. Technikchef Anand Varadarajan soll bei einer internen Präsentation erklärt haben, es gebe klare Möglichkeiten, diese Ausgaben zu senken. Die Eigenentwicklung ist Teil eines größeren Sparprogramms von rund 2 Milliarden US-Dollar, wie auch Entrepreneur berichtet. Allein im laufenden, Ende September auslaufenden Geschäftsjahr soll das Budget um etwa 30 Millionen Dollar sinken, davon rund 10 Millionen bei den Softwarekosten.
Auch in sozialen Netzwerken wird der Schritt aufmerksam verfolgt:
Was Starbucks konkret ersetzen will
Die Berichte nennen drei Systeme, an deren Eigenentwicklung Starbucks arbeiten soll:
- Ein Bestandsverwaltungssystem als Alternative zu einer Microsoft-Lösung, mit der Filialen ihren Warenbestand verfolgen.
- Ein Werkzeug für das Instandhaltungsmanagement (Wartung von Geräten und Ausstattung), das ein IBM-Produkt ablösen soll.
- Ein eigenes Kassensystem (Point-of-Sale), das Oracles Simphony-Software ersetzen soll. Ein Kassensystem steuert Kernaufgaben wie Preisberechnung, Steuer, Zahlungsabwicklung und Belege - der Austausch ist entsprechend heikel und läuft bereits seit Jahren.
Ein Rollout einzelner Eigenentwicklungen sei je nach Testergebnissen bis Ende 2027 denkbar. Nichts davon ist also über Nacht fertig.
Der eigentliche Auslöser: KI macht "selbst bauen" bezahlbar
Neu ist nicht der Wunsch, Lizenzkosten zu sparen - neu ist, dass er realistisch wird. KI-gestützte Coding-Werkzeuge senken Zeit und Aufwand für Eigenentwicklungen so stark, dass die klassische Frage "selbst bauen oder kaufen" (im Fachjargon build vs. buy) neu gestellt wird. Wie schnell KI ganze Software-Stacks rekonstruieren kann, hat zuletzt Cloudflares Experiment gezeigt, das ein komplettes Framework in einer Woche nachbaute.
Dahinter steht ein größerer Trend: KI verschiebt die Softwareentwicklung von handgeschriebenem Code hin zu Agenten, die Anwendungen weitgehend selbst zusammensetzen. Was früher ein mehrjähriges Entwicklerprojekt war, wird für Konzerne mit eigenen Ingenieurteams plötzlich zur realistischen Option.
Ein Warnsignal für die Software-Industrie
Für die Anbieter von Standardsoftware ist die Nachricht unangenehm. Wenn selbst ein Kaffeekonzern anfängt, Kernsysteme in Eigenregie zu bauen, gerät das Geschäftsmodell des Software-Abos (Software as a Service, kurz SaaS) unter Druck - ein Muster, das die KI Woche bereits am Beispiel ganzer SaaS-Branchen beschrieben hat, denen KI-Plattformen die Grundlage entziehen. Am Berichtstag gaben die Aktien von Microsoft und IBM nach; die Microsoft-Aktie fiel zeitweise um 1,82 Prozent auf 376,38 US-Dollar.
Pikant ist die Rollenverteilung: Microsoft selbst vermarktet KI-Agenten, die Unternehmen produktiver machen sollen. Genau diese Produktivität setzen Kunden wie Starbucks nun ein, um Microsofts eigene Produkte zu ersetzen. Und Starbucks ist kein Einzelfall: Softwarehäuser wie WiseTech ersetzen bereits eigene Entwickler durch KI-Agenten.
Warum trotzdem Vorsicht angebracht ist
Die Ankündigung ist kein Selbstläufer. Starbucks hatte zuvor schon einmal ein selbst entwickeltes KI-System zur Bestandsverfolgung wieder eingestellt und war zu manueller Zählung zurückgekehrt. Eigenentwicklung klingt nach voller Kontrolle und niedrigen Kosten, bindet aber langfristig eigene Teams für Wartung, Sicherheit und Weiterentwicklung - Aufgaben, die ein Softwareanbieter sonst übernimmt.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. Lizenzkosten neu bewerten: KI-Coding senkt die Schwelle für Eigenentwicklungen. Wer hohe Software-Abos zahlt, sollte prüfen, welche Standardsysteme sich mittelfristig günstiger selbst abbilden lassen.
2. Klein und unkritisch anfangen: Starbucks scheiterte zuerst am Bestandssystem. Sinnvoller ist der Start bei klar abgegrenzten Werkzeugen statt beim Kassensystem, an dem Umsatz und Zahlung hängen.
3. Folgekosten mitdenken: Selbst gebaute Software spart Lizenzgebühren, verlagert aber Wartung, Sicherheit und Updates ins eigene Haus. Diese Dauerkosten gehören in jede Vergleichsrechnung.
4. Für Anbieter ein Weckruf: Wenn Kunden mit KI eigene Alternativen bauen, reicht Standardfunktionalität nicht mehr. Verteidigbar wird Software vor allem durch Daten, Integration und Support, die sich nicht in einer Woche nachbauen lassen.




