Ein offener Brief vom Juni 2026, über den das Wall Street Journal exklusiv berichtete, fordert vom US-Kongress eine einzige, konkrete Maßnahme: das Screening von Bestellungen synthetischer Nukleinsäuren - also synthetischer DNA und RNA - gesetzlich verpflichtend zu machen. Unterzeichnet haben ihn Führungskräfte der größten KI-Unternehmen der Welt, Nobelpreisträger, Nationale-Sicherheits-Experten und Biosicherheitsforscher.
Der Brief trägt den Titel "In Support of Mandatory Nucleic Acid Synthesis Screening and Recordkeeping" und wurde von einem ungewöhnlich breiten Spektrum an Unterzeichnern mitgetragen - darunter laut Brief Sam Altman und Wojciech Zaremba (OpenAI), Mustafa Suleyman (Microsoft AI), Patrick Collison (Stripe), David Baker (Nobelpreis Chemie 2024), Tristan Harris (Center for Humane Technology) und Lawrence Lessig (Harvard Law School).
Das Problem: freiwillige Standards in einer Welt mit bio-fähiger KI
Die Unterzeichner beschreiben im Brief eine strukturelle Lücke. Synthetische DNA lässt sich heute online bestellen wie Elektronikbauteile - ein Fortschritt, der Impfstoffentwicklung beschleunigt und kleinen Teams Möglichkeiten eröffnet hat, die früher Großinstitutionen vorbehalten waren. Seit Protokolle zur Rekonstruktion von Viren aus DNA-Strängen veröffentlicht wurden - vor mehr als zwei Jahrzehnten - ist aber auch bekannt, dass diese Bestellmöglichkeit ein Angriffspunkt für Missbrauch ist.
Als erste Antwort darauf gründeten Syntheseunternehmen 2009 das International Gene Synthesis Consortium, das freiwillige Sicherheitsstandards entwickelte. Der Brief argumentiert, dass diese freiwillige Selbstverpflichtung nicht mehr ausreicht - weil sich die Ausgangslage fundamental verändert hat:
„KI-Systeme übertreffen inzwischen Virologen mit Doktortitel bei hochspezialisierten Fragen zu Laborverfahren in ihren eigenen Fachgebieten", heißt es im Brief wörtlich. „Die Belege dafür, was das für heutige Biosicherheitsbedrohungen bedeutet, sind gemischt - aber der Trend lässt sich nicht bestreiten."
Was konkret gefordert wird
Die Forderungen im Offenen Brief sind präzise:
- Verpflichtendes Screening aller Bestellungen synthetischer Nukleinsäuren durch Anbieter - mit Abgleich gegen bekannte Gefährdungsmuster.
- Verpflichtendes Recordkeeping - also Aufzeichnungspflichten - für diese Bestellungen.
- Erfassung der Herstellungsausrüstung für synthetische Nukleinsäuren, um auch den physischen Teil der Lieferkette abzusichern.
Eine ungewöhnliche Koalition
Was den Brief politisch bedeutsam macht, ist weniger der Inhalt - ähnliche Forderungen kursierten bereits in Fachkreisen - als die Absendergruppe. Der Brief vereint Menschen, die in KI-Politikfragen sonst kaum einer Meinung sind. KI-Optimisten stehen neben KI-Skeptikern. CEO Sam Altman, der gleichzeitig gegen staatliche Zulassungspflichten für neue Modelle lobbyiert, unterschreibt hier für mehr Regulierung. Nobelpreisträger Baker und Tech-Kritiker Tristan Harris stehen auf derselben Liste.
Der Brief schließt explizit ein, dass die Unterzeichner „ein breites Spektrum an Ansichten zur KI-Politik" vertreten. Die Einigkeit gilt nur dieser einen Frage: bei synthetischen Nukleinsäuren reicht Freiwilligkeit nicht mehr.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. Compliance-Druck für DNA-Syntheseanbieter: Wer synthetische Nukleinsäuren anbietet oder bezieht, muss mittelfristig mit verpflichtenden Screening- und Aufzeichnungspflichten rechnen - ob der Kongress schnell handelt oder nicht.
2. KI-Fähigkeit wird zum Sicherheitsmaßstab: Der Brief markiert einen Paradigmenwechsel: Biosicherheitsstandards werden künftig daran gemessen, ob sie mit dem Fähigkeitsstand aktueller KI-Modelle Schritt halten.
3. Breite Koalition als Druckmittel: Wenn CEOs aus OpenAI, Anthropic, Google DeepMind und Microsoft gemeinsam für Regulierung eintreten, ist das politisch kaum zu ignorieren - auch für einen Kongress, dem KI-Regulierung sonst schwerfällt.



