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Ist Europa im KI-Wettlauf abgehängt? In Teil 1 von Folge 5 des KI Woche Podcasts spricht der ehemalige österreichische Finanzminister Gernot Blümel mit Markus Kirchmair und Thomas Seiger über die geopolitischen Verwerfungen rund um den Fable-5-Exportbann, die Folgen der europäischen Regulierung und die Frage, wo Europas Chancen im globalen KI-Wettbewerb liegen.
MARE: KI in der digitalen Medizin am Lido von Venedig
Blümel verantwortet seit rund dreieinhalb Jahren den Aufbau des MARE TechnoParks - eines kooperativen Forschungsparks für KI in der digitalen Medizin am Lido von Venedig. Im Gespräch beschreibt er, wie dort mit proprietären neuronalen Architekturen an konkreten medizinischen Anwendungen gearbeitet werde: KI-Systeme, die auf Basis digitaler Patientenakten den Arzt bei Diagnose und Anamnese unterstützen sollen. Anders als bei den großen Sprachmodellen gehe es dabei um spezialisierte Modelle, die mit primärmedizinischen Daten trainiert würden.
Datenschutz und Regulierung: Standortvorteil oder Hemmschuh?
Auf die Frage, ob der europäische Datenschutz ein Standortvorteil sei, antwortet Blümel zurückhaltend. Er sehe eine gewisse Paradoxie darin, dass europäische Bürger einerseits ihre Daten über Smartphones und soziale Medien permanent an US-Konzerne weitergeben, andererseits strenge Regulierung die Nutzung dieser Daten für KI-Anwendungen - etwa im Gesundheitsbereich - erheblich erschwere. Insbesondere der Datenminimierungsgrundsatz der DSGVO, der die Verwendung und Speicherung von Daten auf das Nötigste beschränke, stehe aus seiner Sicht im Widerspruch zum Training großer Sprachmodelle.
Blümel vergleicht die Situation mit den USA, wo Unternehmen über ein Zertifizierungsverfahren mit klar definierten Parametern eine Rechtsvermutung für ihre Datenprojekte erlangen könnten. In Europa fehle beides - sowohl eine klare Parameterliste als auch eine solche Rechtsvermutung. Im Gespräch wird deutlich, dass dies vor allem kleinere Unternehmen und Start-ups vor große Hürden stelle, da Risikokapitalgeber die zusätzliche regulatorische Unsicherheit scheuten.
Der Fable-5-Bann als geopolitische Zäsur
Die Abschaltung von Fable 5 und Mythos 5 durch eine Export-Control-Direktive der US-Regierung ordnet Blümel als historischen Einschnitt ein. Er argumentiert, dass Europa in seiner Geschichte zwar nicht immer der technologische Vorreiter gewesen sei, aber noch nie kollektiv von der neuesten verfügbaren Technologie abgeschnitten gewesen sei. In einer Branche, in der sich die Leistungsfähigkeit nach seiner Einschätzung etwa alle sechs Monate sprunghaft weiterentwickle, könne ein Rückstand von ein bis zwei Jahren schwerwiegende Folgen für die europäische Wirtschaft haben.
China als Alternative? Blümel warnt vor neuer Abhängigkeit
Auf die Frage, ob Europa sich stattdessen an chinesische KI-Modelle wenden solle, warnt Blümel vor einem Tausch der Abhängigkeiten. In seinen Gesprächen mit Unternehmern und Industriellen nehme er eine Sensibilität dafür wahr, dass eine Abhängigkeit von China genauso riskant sein könnte wie die von den USA. Die Lösung liege aus seiner Sicht in eigenen, spezialisierten Modellen für konkrete Anwendungsfälle - weniger breit als große Sprachmodelle, aber für den jeweiligen Einsatz wirkungsvoll.
Vier Ressourcen - und ein europäisches Defizit
Für den Aufbau großer Sprachmodelle benennt Blümel vier notwendige Ressourcen: Talente, Rechenleistung, Energie und Risikokapital. Von diesen vier habe Europa nur die Talente. Den Rückstand bei großen Sprachmodellen halte er für kaum noch aufholbar, sehe aber in der vertikalen Spezialisierung - also dem Einsatz von KI für konkrete industrielle, medizinische oder robotische Anwendungen - einen realistischen Weg für Europa.
Das vollständige Gespräch dauert rund 34 Minuten. In Teil 2, der kommende Woche erscheint, geht es um Urheberrecht, KI-Kennzeichnungspflicht, Fiskalpolitik und den Arbeitsmarkt.