Wer ein 200-Dollar-Abo bei OpenAI oder Anthropic abschließt, soll deutlich mehr als 200 Dollar an Rechenleistung bekommen. Wie viel genau, hat das Analystenhaus SemiAnalysis jetzt systematisch durchgerechnet - mit einem Ergebnis, das die Preispolitik der gesamten Branche in Frage stellt.
Für den Test kauften die Analysten jeden verfügbaren Abo-Plan beider Anbieter und ließen dann automatisierte Coding-Aufgaben laufen, bis das jeweilige Wochenlimit erschöpft war. Anschließend verglichen sie den tatsächlichen Token-Verbrauch mit den offiziellen API-Preisen.
70-facher Gegenwert beim Spitzenplan
Die Zahlen sind drastisch: Wer den ChatGPT Pro 20x-Plan für 200 Dollar im Monat voll ausreizt, verbraucht laut der Analyse Tokens im Wert von bis zu 14.000 Dollar - gemessen an OpenAIs eigenen API-Preisen. Bei Anthropics Claude Max 20x zum gleichen Preis liegt der API-Gegenwert bei bis zu 8.000 Dollar.
Auch die günstigeren Pläne seien demnach großzügig subventioniert: Beim Standard-Tier für 20 Dollar monatlich ließen sich Tokens im Wert von rund 400 Dollar (Anthropic) bis 700 Dollar (OpenAI) verbrauchen.
Ab 5,7 Prozent Auslastung soll es unprofitabel werden
Für die Anbieter bedeute das: Jeder Power-User sei ein Verlustgeschäft. Laut SemiAnalysis drehen sich die Margen bei OpenAIs Top-Tier-Plänen bereits ab etwa 5,7 Prozent Auslastung ins Negative. Bei Anthropic liegt die Schwelle bei rund 10 Prozent. Das funktioniert nur, solange genügend zahlende Nutzer ihr Kontingent kaum anrühren - das klassische Fitnessstudio-Modell.
Das könnte erklären, warum beide Unternehmen in den vergangenen Monaten ihre Nutzungslimits schrittweise verschärft haben. Besonders agentenbasierte Workflows - also Aufgaben, bei denen die KI über längere Zeit selbstständig arbeitet - verbrauchen ein Vielfaches der Tokens eines normalen Chat-Gesprächs.
Das Ende der Flatrate zeichnet sich ab
Die Zahlen von SemiAnalysis legen nahe, dass die Ära der KI-Flatrates auslaufen dürfte. SemiAnalysis prognostiziert, dass die Anbieter neue Spitzenmodelle wie die Mythos-Klasse künftig gar nicht mehr ins Flatrate-Abo aufnehmen, sondern nur noch über die API oder verbrauchsabhängige Credits zugänglich machen werden - um den öffentlichen Aufschrei zu vermeiden, der mit einer direkten Abo-Verschlechterung einherginge.
Für Nutzer, die heute einen Premium-Plan voll ausschöpfen, könnte es also deutlich teurer werden - oder die Limits werden so eng gezogen, dass der 70-fache Gegenwert Geschichte bleibt.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. Premium-Pläne jetzt nutzen: Wer regelmäßig mit KI-Coding-Assistenten oder Agenten arbeitet, bekommt aktuell ein extremes Preis-Leistungs-Verhältnis. Das wird vermutlich nicht so bleiben.
2. API-Kosten kalkulieren: Unternehmen, die KI-Workflows über Consumer-Abos laufen lassen, sollten parallel die API-Kosten berechnen. So lässt sich abschätzen, wie teuer es wird, wenn die Subventionierung endet.
3. Budgets anpassen: Die Branche bewegt sich Richtung nutzungsbasierte Abrechnung. Wer KI in Geschäftsprozesse integriert, sollte mit steigenden Kosten pro Arbeitseinheit rechnen - nicht mit sinkenden.


