Das Frontier Red Team von Anthropic berichtet über zwei Fortschritte bei KI-gestützter Kryptanalyse. Mit Claude Mythos Preview entwickelte das Team einen verbesserten Angriff auf das Post-Quanten-Signaturverfahren HAWK und einen schnelleren Angriff auf eine reduzierte Variante von AES-128. Anders als viele Software-Audits betreffen diese Arbeiten mathematische Eigenschaften der Verfahren, nicht bloß Implementierungsfehler.
HAWK ist ein Kandidat der dritten Runde im NIST-Verfahren für zusätzliche digitale Signaturen. Das Verfahren soll Signaturen auch gegen künftige Quantencomputer absichern. Nach zwei Runden menschlicher Prüfung entwickelte ein Anthropic-Forscher gemeinsam mit Claude Mythos Preview innerhalb von rund 60 Stunden einen verbesserten Angriff. Er nutzt eine zuvor nicht praktisch ausgeschöpfte Symmetrie im zugrunde liegenden Lattice Isomorphism Problem. Der Angriff reduziert das geschätzte Sicherheitsniveau bestimmter HAWK-Parameter deutlich; er halbiert nicht die physische Schlüssellänge.
Angriff senkt den geschätzten Aufwand für HAWK-256
Nach Angaben der Anthropic-Veröffentlichung sinkt der erwartete Aufwand für einen vollständigen Schlüsselwiederherstellungsangriff auf die kleine Variante HAWK-256 von 264 auf 238. Anthropic bezeichnet größere HAWK-Varianten weiterhin als praktisch nicht angreifbar. HAWK ist noch nicht als NIST-Standard ausgewählt. Um dasselbe Sicherheitsniveau zu erreichen, wären laut Anthropic größere Schlüssel nötig, wodurch HAWK einen Teil seiner Geschwindigkeits- und Größenvorteile verlieren würde.
Neben dem Post-Quanten-Verfahren nahm das Forschungsteam auch den weltweiten Standard für symmetrische Verschlüsselung (AES) unter die Lupe. Bei einer auf 7 von 10 Runden reduzierten Variante von AES-128 entwickelte Claude Mythos nach Darstellung von Anthropic autonom eine Fingerprint-Methode namens Möbius Bridge. Diese Technik eliminiert einen zuvor erforderlichen Suchschritt der Meet-in-the-Middle-Angriffe um den Faktor 256 und beschleunigt den Gesamtangriff laut Veröffentlichung um das 200- bis 800-Fache. Die volle AES-128-Verschlüsselung mit 10 Runden bleibt von diesem Ergebnis unberührt.
Automatisierte Agenten-Harnesses und CryptanalysisBench
Die beiden Hauptbefunde entstanden in unterschiedlichen Arbeitsweisen. Beim HAWK-Angriff arbeitete ein Anthropic-Forscher mit Claude zusammen. Für AES baute ein anderer Forscher ein Scaffold, in dem Claude den verbesserten Angriff nach Angaben des Teams vollständig autonom entdeckte. Die Entwicklung des AES-Angriffs dauerte mehrere Tage und erzeugte insgesamt rund eine Milliarde Ausgabetoken. Anthropic beziffert die API-Kosten je Hauptbefund auf ungefähr 100.000 US-Dollar. Gemeinsam mit der ETH Zürich, der Universität Tel Aviv und der Universität Haifa veröffentlichte das Team außerdem CryptanalysisBench.
Anthropic teilte den HAWK-Angriff im Juni mit den Autoren und koordinierte die öffentliche Bekanntgabe über die NIST-Mailingliste. Für die Überprüfung des AES-Befunds benötigten zwei menschliche Forscher nach Unternehmensangaben fast einen Monat. Diese nachträgliche Validierung ist ein wichtiger Teil des Ergebnisses: Auch bei autonom gefundenen Ideen bleibt menschliche und fachliche Prüfung nötig.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. PQC-Fahrpläne flexibel halten: Unternehmen sollten bei der Umstellung auf Post-Quanten-Kryptografie nicht auf ein einziges Kandidatenverfahren setzen, sondern auf Krypto-Agilität achten.
2. KI als zusätzliches Prüfwerkzeug sehen: Die Arbeiten zeigen, dass Modelle Hypothesen für mathematische Angriffe entwickeln können. Ergebnisse müssen von Kryptografie-Fachleuten reproduziert und verifiziert werden.
3. Keine pauschale AES-Panik: Der veröffentlichte AES-Angriff betrifft sieben statt der vollen zehn Runden. Produktives AES-128 wird durch diesen Befund nicht gebrochen.


