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Emily Changs „Circuit"-Interview mit Dario Amodei gibt es in zwei Versionen: die 47-minütige Dokumentation und dieses 70-minütige Extended Interview. Wer die kürzere Fassung gesehen hat und denkt, er kenne die Geschichte, liegt falsch. In den zusätzlichen 22 Minuten kommen Passagen zum Vorschein, die Bloomberg offensichtlich aus dramaturgischen Gründen herausgeschnitten hat — die aber inhaltlich zu den aufschlussreichsten des gesamten Gesprächs gehören.

Amodei beginnt mit einer Metapher, die besser trifft als jede Quartalsberichterstattung: Die KI-Entwicklung fühle sich an wie ein Raumschiff, das mit relativistischer Geschwindigkeit beschleunigt. Man schlafe ein, und am nächsten Morgen seien auf der Erde zwei Tage vergangen. Das ist keine Übertreibung — Anthropic hat sein Umsatzwachstum im ersten Quartal 2026 um das 80-fache gesteigert und die eigenen Prognosen dabei deutlich übertroffen.

Die interessantesten Passagen des Extended Interviews betreffen Anthropics Modell Mythos. Amodei erzählt, wie Unternehmen, denen Anthropic frühen Zugang gewährte, mit Sätzen reagierten wie „Das ist eine Superwaffe. Man sollte einen Waffenschein brauchen, um das zu benutzen." Die Fähigkeit des Modells, nicht nur Sicherheitslücken zu finden, sondern diese auch autonom in funktionierende Exploits umzuwandeln, habe alle Beteiligten überrascht. Deshalb hält Anthropic Mythos weiterhin unter Verschluss — nicht für immer, aber bis die Abwehrmechanismen belastbar genug seien.

Was Amodeis Haltung von der üblichen Silicon-Valley-Rhetorik unterscheidet: Er räumt offen ein, dass diese Zurückhaltung Anthropic kommerziell schadet. Die verzögerte Freigabe von Mythos kostet das Unternehmen Marktanteile, genau wie der freiwillige Zugangs-Stopp für China, der mehrere hundert Millionen Dollar an Umsatz gekostet habe — „bevor mehrere hundert Millionen Dollar ein kleiner Bruchteil unseres Umsatzes waren", wie er anmerkt.

Zum Pentagon-Konflikt äussert sich Amodei differenzierter als in der Kurzfassung. Er besteht darauf, dass bei jeder militärischen Anwendung von Claude ein Mensch die finale Entscheidung treffen müsse. Auf Changs direkte Frage, ob KI-gestützte Kriegsführung eher den Dritten Weltkrieg verhindere oder auslöse, antwortet er: „Auf der Habenseite eher verhindern. Aber ohne Grenzen bei der Nutzung könnte es ihn auch auslösen." Er zieht eine Parallele zu „Dr. Strangelove" — die Doomsday Machine, die automatisch Atomwaffen abfeuert, wenn sie einen Angriff erkennt.

Das persönlichste Segment zeigt Amodei als Jungen, der im San Francisco der ersten Internet-Welle aufwächst und sich null für Technologie interessiert. Stattdessen: Mathematik, Science-Fiction, „das Universum verstehen wollen". Sein Vater war Lederhandwerker, seine Mutter Bibliothekarin. Der Nonkonformismus der Bay Area habe ihn geprägt, sagt er — weniger die Tech-Industrie selbst.

Auf die Vertrauensfrage am Ende — „Warum sollten wir Ihnen vertrauen?" — gibt Amodei eine bemerkenswert selbstkritische Antwort: „Anfängliches Misstrauen ist rational. Silicon Valley hat viel Vertrauen verspielt und muss es sich zurückverdienen." Dann listet er die konkreten Fälle auf, in denen Anthropic wirtschaftliche Nachteile für seine Prinzipien in Kauf genommen hat. „Wir sind nicht perfekt", schliesst er. „Aber schaut euch die Gesamthistorie an und fragt, welche Hypothese über uns am besten zu allen Datenpunkten passt."