In chinesischen Unternehmen tobt ein Arbeitskampf, der nirgendwo in offiziellen Statistiken auftaucht. Es geht nicht um Löhne oder Arbeitszeiten — sondern um etwas, das noch nie verhandelt werden musste: das eigene Wissen. Firmen fordern ihre Angestellten auf, ihr gesamtes Fachwissen in sogenannten „Skill-Dateien" zu dokumentieren. Das erklärte Ziel: KI-Systeme, die den Mitarbeiter exakt nachbilden können. Das unausgesprochene Ziel: den Mitarbeiter überflüssig machen.
Was klingt wie dystopische Science-Fiction, ist auf Plattformen wie Feishu und DingTalk — Chinas Pendants zu Slack und Microsoft Teams — bereits Alltag.
Digitalisiere deinen Kollegen, bevor er dich digitalisiert
Die Reaktion der Belegschaften ist bemerkenswert. Auf GitHub kursieren inzwischen Tools, die den stillen Krieg auf beiden Seiten befeuern. colleague.skill dreht den Spieß um: Statt die eigene Expertise preiszugeben, dokumentiert man damit zuerst das Wissen der Kollegen — ein digitales Wettrüsten um die Frage, wer zuerst ersetzbar wird.
Noch cleverer ist anti-distill.skill. Das Tool erzeugt Skill-Dateien, die professionell und vollständig aussehen, aber gezielt um die echte Kernkompetenz bereinigt sind. Der Output besteht den Management-Review, das trainierte KI-Modell funktioniert aber in der Praxis nicht. Eine Art digitaler Dienst nach Vorschrift.
KI-Zwillinge von Ex-Mitarbeitern
Einige Unternehmen gehen noch weiter. Laut dem Bericht bauen Firmen sogenannte „KI-Zwillinge" von bereits ausgeschiedenen Mitarbeitern — trainiert auf deren kompletter Nachrichtenhistorie in Firmenchats. Der digitale Klon antwortet auf Fragen, als säße der ehemalige Kollege noch am Schreibtisch.
Das ist mehr als ein Effizienzprogramm. Es ist der Versuch, institutionelles Wissen vollständig von den Menschen zu entkoppeln, die es geschaffen haben. Und es wirft eine Frage auf, die auch europäische Unternehmen bald beantworten müssen: Wem gehört das Wissen, das ein Mitarbeiter im Laufe seiner Karriere aufbaut?
Warum das über China hinausgeht
Was in chinesischen Tech-Firmen als internes Pilotprojekt beginnt, wird zum Blaupause-Modell. Die Logik dahinter — Fachwissen extrahieren, in ein Modell gießen, den Wissensträger ersetzen — ist universell. Der Unterschied: In China passiert es ohne gewerkschaftlichen Widerstand, ohne öffentliche Debatte und mit der impliziten Unterstützung einer Regierung, die Produktivitätswachstum über Arbeitnehmerschutz stellt.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. Wissensdokumentation kritisch hinterfragen: Wenn Ihr Arbeitgeber systematisch Fachwissen in Skill-Dateien erfassen lässt, fragen Sie nach dem konkreten Verwendungszweck — und welche Rechte Sie an Ihrem dokumentierten Wissen behalten.
2. Unersetzbarkeit neu definieren: Die klassische Karrierestrategie „mach dich unverzichtbar durch Spezialwissen" funktioniert nicht mehr, wenn dieses Wissen in 34 Minuten in ein Modell destilliert werden kann. Entscheidend wird die Fähigkeit, neues Wissen zu generieren.
3. Betriebsräte und Datenschutz aktivieren: In Europa wäre das Training eines KI-Modells auf Mitarbeiter-Chatverläufen ein massiver DSGVO-Verstoß. Unternehmen, die ähnliche Programme planen, brauchen frühzeitig klare Betriebsvereinbarungen.