Während Tech-CEOs reihenweise Stellen streichen und auf KI-Produktivität verweisen, bereitet sich Kalifornien mit einer neuen Verordnung auf die tiefgreifenden Verwerfungen am Arbeitsmarkt vor. Gouverneur Gavin Newsom hat am Mittwoch eine landesweit erste Executive Order unterzeichnet, die KI-bedingte Jobverluste ausdrücklich als politisches Problem behandelt - nicht als unvermeidliche Nebenwirkung des Fortschritts.
KI-Disruption wird zur Chefsache
Die Verordnung ist kein rein symbolischer Akt. Sie beauftragt staatliche Behörden, in Zusammenarbeit mit Arbeitsexperten, Gewerkschaften und Universitäten, die regulatorischen und politischen Grundlagen für den Wandel zu erarbeiten. Die Landesregierung wird damit angewiesen, konkrete Maßnahmen in folgenden Bereichen zu prüfen und vorzubereiten:
- Abfindungsstandards und Beschäftigungssicherung: Ausarbeitung von Modellen für Abfindungen (auch in Form von Aktien oder Unternehmensanteilen) und Ausbau von Versicherungsleistungen bei Jobverlust.
- Worker-Ownership-Modelle: Evaluierung von Wegen zur Stärkung von Mitarbeiterbeteiligungen, damit Beschäftigte direkt an den durch KI erzielten Produktivitätsgewinnen teilhaben.
- Universal Basic Capital: Untersuchung von Konzepten zum Vermögensaufbau für breite Bevölkerungsschichten als Antwort auf die fundamentale Verschiebung von Arbeit zu Kapital.
- Frühwarnsysteme und Regulierung: Entwicklung eines Dashboards zur Überwachung von KI-Effekten auf verschiedene Branchen sowie konkrete Empfehlungen zur Anpassung des kalifornischen Frühwarnsystems bei Entlassungen (WARN Act) innerhalb von 180 Tagen.
- KI-Playbook: Erstellung eines Leitfadens zur Modernisierung staatlicher Umschulungsprogramme und Anpassung an neue wirtschaftliche Realitäten.
Der Kontext macht den Unterschied
Die Verordnung fällt in eine Woche, in der sich die Meldungen über KI-getriebene Entlassungen häufen. Erst vor einem Tag sorgte der Standard-Chartered-CEO Bill Winters mit dem Begriff „minderwertiges Humankapital" für Empörung. Und Anthropic-CEO Dario Amodei skizzierte kürzlich eine Zukunft mit gleichzeitig 10 Prozent Wirtschaftswachstum und 10 Prozent Arbeitslosigkeit.
Newsom positioniert Kalifornien damit als Gegenmodell zur bisherigen Haltung, dass der Markt die Verwerfungen schon regeln werde. „California has never sat back and watched as the future happened to us", wird der Gouverneur in der offiziellen Mitteilung zitiert.
Worker Ownership statt Grundeinkommen
Besonders auffällig: Die Executive Order beauftragt die Behörden, Konzepte für „Universal Basic Capital“ und Mitarbeiterbeteiligungsmodelle zu prüfen, statt auf ein bedingungsloses Grundeinkommen zu setzen. Der Gedanke dahinter: Wenn KI die Produktivität verdoppelt, sollen Arbeitnehmer über Eigentumsanteile direkt davon profitieren – nicht nur über staatliche Transferzahlungen.
Damit folgt Kalifornien einem Trend, den auch OpenAI-Chef Sam Altman nach einer ernüchternden, 14 Millionen Dollar teuren Dreijahresstudie einläutete. Altman hatte sich vor Kurzem vom klassischen Grundeinkommen (UBI) verabschiedet und fordert stattdessen Modelle kollektiver Beteiligung, da reine Geldzahlungen die fundamentale Verschiebung zwischen Arbeit und Kapital nicht ausgleichen können.
Dieser regulatorische Vorstoß steht in scharfem Kontrast zur Haltung führender Risikokapitalgeber im Silicon Valley. Erst kürzlich hatte die einflussreiche Venture-Capital-Firma Andreessen Horowitz (a16z) KI-bedingte Jobverluste als „komplette Fantasie“ abgetan. Während die Investoren mit historischen Analogien argumentieren, dass sich der Markt von selbst reguliert, zeigt Newsoms Executive Order, dass die Politik die Bedrohung für Beschäftigte mittlerweile sehr real nimmt und sich nicht auf das VC-Mantra verlässt.
Kalifornien ist der Standort von 33 der 50 größten privaten KI-Unternehmen weltweit. Kein anderer Bundesstaat hat gleichzeitig so viel KI-Innovation und so viel politische Regulierungserfahrung. Die Executive Order baut auf Newsoms KI-Verordnungen von 2023 und März 2026 auf, dem Transparency in Frontier Technology Act (SB 53) und den Deepfake- und Kinderschutzgesetzen von 2024.
Bürgerbeteiligung per Plattform
Ungewöhnlich ist auch der demokratische Ansatz: Über die Plattform engaged.ca.gov/ai können alle Kalifornier direkt an der Gestaltung der KI-Politik mitwirken. Es ist das erste landesweite Programm dieser Art in den USA.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. KI-Arbeitsmarktpolitik wird konkret: Kalifornien ist der erste US-Bundesstaat, der KI-Entlassungen als regulierungsbedürftiges Problem definiert. Das WARN-Act-Update und die Abfindungsstandards könnten zum Modell für andere Staaten und Europa werden.
2. Vom Grundeinkommen zum Grundkapital: Die Verschiebung von UBI zu Worker Ownership und Universal Basic Capital zeigt einen neuen Denkansatz. Statt Almosen sollen Arbeitnehmer Miteigentümer der KI-Gewinne werden.
3. Frühwarnsystem für Unternehmen: Firmen in Kalifornien müssen damit rechnen, dass KI-getriebene Entlassungen künftig stärker überwacht und möglicherweise mit Abfindungsstandards verknüpft werden. Wer dort operiert, sollte die 180-Tage-Frist für die WARN-Act-Überarbeitung im Blick behalten.



