Der CEO des Projektmanagement-Tools ClickUp hat am Mittwoch auf X die Entlassung von 22 Prozent seiner Belegschaft verkündet. Was den Fall bemerkenswert macht: Zeb Evans betont, das Unternehmen sei wirtschaftlich so stark wie nie zuvor. Die Entlassungen seien keine Sparmaßnahme, sondern eine bewusste Entscheidung, weil KI die Art verändere, wie produktive Teams arbeiten.
Rekordgeschäft, trotzdem Stellenabbau
ClickUp gehört mit einer Bewertung von vier Milliarden Dollar und über 300 Millionen Dollar wiederkehrendem Jahresumsatz zu den größten SaaS-Plattformen für Produktivitätssoftware. Das Unternehmen aus San Diego konkurriert direkt mit Asana, Monday.com und Notion.
In seinem Post schrieb Evans: „Today we reduced headcount by 22%. The business is the strongest it's ever been." Er habe die Entscheidung selbst getroffen und stehe persönlich dafür ein. Der Grund sei, dass sich die Art, auf höchstem Produktivitätsniveau zu arbeiten, grundlegend verändere.
Das Muster wiederholt sich
Die Ankündigung reiht sich in eine wachsende Liste von Tech-Unternehmen ein, die trotz starker Zahlen ihre Belegschaft drastisch kürzen und dabei auf KI verweisen. Jack Dorsey strich bei Block 4.000 Stellen nach einem Rekordquartal. Erst vor wenigen Tagen sorgte der Standard-Chartered-CEO Bill Winters mit der Formulierung „minderwertiges Humankapital" für Empörung. Ken Griffin von Citadel beschrieb den Moment, als KI-Agenten die Arbeit seiner besten Analysten übernahmen, als deprimierend.
Evans ist dabei nicht nur der Überbringer der Nachricht, sondern selbst der CEO eines KI-Produkts. ClickUp hat mit „ClickUp Brain" und KI-Agenten die eigene Plattform konsequent um Automatisierungsfunktionen erweitert. Er scheint also zu praktizieren, was er predigt: Wenn die eigenen Werkzeuge Teams produktiver machen, braucht man weniger davon.
Die neue PM-Vision
Besonders aufschlussreich ist, was Evans nach der Ankündigung über die Zukunft der Produktmanager-Rolle schrieb. Laut Berichten auf Substack skizzierte er einen „10X PM", der klassische Grenzen sprengt: PM und Design verschmelzen, Code wird nicht mehr direkt in Produktion geschickt, stattdessen iteriert man in „Playground"-Umgebungen. Und der wichtigste Punkt: Mehr Zeit mit echten Kunden verbringen statt mit Meetings und Statusberichten.
Das klingt nach Silicon-Valley-Optimismus - aber es spiegelt einen Trend wider, der sich in den Daten zeigt. Als Anthropic-CEO Dario Amodei auf dem WSJ-Forum seine Prognose von gleichzeitig 10 Prozent Wirtschaftswachstum und 10 Prozent Arbeitslosigkeit vorstellte, beschrieb er genau diese Dynamik: Mehr Output, weniger Köpfe.
Für ClickUp nicht das erste Mal
Das Unternehmen hat bereits Erfahrung mit Stellenabbau. 2022 wurden 7 Prozent der Belegschaft reduziert, im Juli 2023 folgten weitere 10 Prozent. Damals wurde die Entscheidung mit Effizienzsteigerungen und der Vorbereitung auf einen möglichen Börsengang begründet. Die aktuelle Runde mit 22 Prozent ist die bislang größte.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. KI-Produktivitätsgewinne monetarisieren sich als Stellenabbau: Wenn selbst die Hersteller von Produktivitätstools ihre eigenen Teams verkleinern, ist die Botschaft eindeutig: Effizienz durch KI führt nicht zu größeren Teams, sondern zu kleineren.
2. Das Narrativ „aus einer Position der Stärke" wird zur Norm: Immer mehr CEOs betonen bei KI-Entlassungen, dass es dem Unternehmen gut geht. Für Betroffene macht das keinen Unterschied, aber es verändert die Debatte grundlegend.
3. Rollenbilder im Umbruch: Evans' Vision vom PM, der nicht mehr programmiert, sondern in Playgrounds iteriert und Kunden trifft, zeigt eine konkrete Zukunft. Wer diese Verschiebung versteht, kann sich darauf vorbereiten.