Während viele Technologiekonzerne Einstiegspositionen für Absolventen zusammenstreichen und Routinearbeiten an Sprachmodelle auslagern, geht der Netzwerkgigant Cisco den umgekehrten Weg. Cisco-Präsident und Produktchef Jeetu Patel hat einem 27-jährigen Ex-Gründer freie Hand und ein unbegrenztes Budget für KI-Tokens erteilt, um innerhalb von 24 Monaten rund 98 Prozent des unternehmenseigenen Legacy-Codes vollständig neu zu schreiben.
Vom verschenkten Zukauf zum zentralen Umbauprojekt
Bei dem Entwickler handelt es sich um Padmanabhan Krishnamurthy, Gründer des 2025 von Cisco übernommenen Übersetzungs-Start-ups EzDubs. Trotz seiner Vorerfahrung als CEO sei Krishnamurthy laut Patel zunächst fünf Führungsebenen unter der Chefetage mit unstrategischen Routineaufgaben betraut gewesen. Bei einem Treffen in San Francisco habe der 27-Jährige vorgeschlagen, die historisch gewachsene Softwarebasis des 429-Milliarden-Dollar-Konzerns mit einem Zwei-Personen-Team und modernen Sprachmodellen grundlegend zu refaktorisieren.
Patel gab dem Vorhaben grünes Licht und stattete das Minimalteam mit unbegrenztem Zugriff auf KI-Infrastruktur aus. Ein erster Machbarkeitsnachweis soll bereits nach vier Wochen vorliegen. Gelingt der Versuch, soll der gewaltige Umbau in zwei Jahren abgeschlossen sein – eine Aufgabe, für die traditionelle Software-Architekten üblicherweise Hunderte Ingenieure und viele Jahre veranschlagen würden.
Reverse Mentoring statt banaler Fleißarbeit
Der Vorstoß bricht gezielt mit dem aktuellen Branchentrend. Laut aktuellen Führungskräfte-Umfragen planen rund 40 Prozent der Manager, künftig weniger Berufseinsteiger einzustellen, weil generative Modelle Einstiegsaufgaben billiger erledigen. Für Patel greift diese Rechnung zu kurz: Wer den Nachwuchs aussperre, verliere den Zugang zu unvoreingenommenen Fragen und neuen Denkweisen.
Er setze deshalb auf ein konsequentes Reverse Mentoring: Junge Talente der Generation Z („AI Natives“) sollen langgediente Entwickler-Veteranen im Umgang mit modernen Werkzeugen wie der automatisierten Code-Synthese schulen, anstatt als billige Hilfskräfte Formulare auszufüllen. Die dabei entstehenden Spannungen zwischen jahrzehntelanger Konzernerfahrung und unkonventionellem Gründergeist nimmt der Cisco-Präsident bewusst in Kauf. Produktive Reibung an Ideen sei unverzichtbar, um radikale Ziele zu erreichen.
Das Drei-Drittel-Modell für KI-Organisationen
Um das Entwicklungstempo hochzuhalten, gliedert Patel seine Produktteams in drei gleich große Gruppen:
- Ein Drittel erfahrene Skalierer: Sie kennen die Feinheiten der bestehenden Konzerninfrastruktur und sichern Stabilität und Ausfallsicherheit ab.
- Ein Drittel Systemdenker aus dem Markt: Sie bringen die externe Perspektive und Marktbedürfnisse von außen ein.
- Ein Drittel unternehmerische Entwickler: Sie arbeiten im agilen „Founder Mode“, nutzen generative Modelle wie beim Vibe Coding ohne Scheuklappen und treiben den Abschied von schwerfälliger Altarbeitsweise aktiv voran.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. Altsysteme nicht abschreiben: Moderne Code-Modelle machen die Modernisierung veralteter Softwarebasen auch für kleine Teams finanzierbar und realistisch.
2. Nachwuchskräfte umwidmen: Statt Junior-Stellen einzusparen, sollten Unternehmen Berufseinsteiger als Impulsgeber für KI-gestützte Arbeitsweisen einsetzen.
3. Token-Budgets freigeben: Wer Entwicklern strikte Token-Kontingente vorschreibt, bremst Innovation; unbegrenzte Testbudgets für kleine Spezialeinheiten beschleunigen Durchbrüche.
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