Jahrzehntelang haben Unternehmen gelernt, sich ihrer Software anzupassen. Jetzt kehrt sich diese Richtung um. Mit KI lassen sich Funktionen um die eigene Arbeit herum entwickeln. Was für kleine Betriebe neue Möglichkeiten eröffnet, erreicht inzwischen auch die großen Käufer von Unternehmenssoftware. Das ist ein Paradigmenwechsel: Der Kunde hat die Mittel, einen Teil dessen selbst zu bauen, was er bisher als fertiges Produkt kaufen musste.
Genau darum geht es in meinem Buch Software ist tot. Und darum geht es bei No More Tools: Ihr Unternehmen gibt den Ablauf vor. Die Technik wird darum gebaut.
Wenn Starbucks selbst baut, betrifft das ein Geschäftsmodell
Bei einem kleinen Unternehmen lässt sich eine individuelle KI-Lösung noch als interessantes Experiment abtun. Bei einem Weltkonzern wird die wirtschaftliche Bedeutung deutlicher. Starbucks entwickle mit KI eigene Alternativen zu eingekaufter Software, berichtete Bloomberg im Juli 2026 auf Grundlage einer internen Präsentation. Genannt werden eine Microsoft-Anwendung für die Bestandsverwaltung und ein IBM-Werkzeug für das Instandhaltungsmanagement.
Die Nachricht ist, dass ein großer Käufer den Kaufgrund infrage stellt. Solche Unternehmen kennen die Anforderungen an Betrieb und Betreuung. Gerade deshalb ist ihre Entscheidung, eigene Alternativen zu entwickeln, ein Signal. Es geht um mehr als eine zusätzliche Funktion: Der Betrieb will selbst bestimmen, wie seine Arbeit digital abgebildet wird.
Die vertraute Rollenverteilung gerät ins Wanken. Auf der einen Seite standen die Softwarehersteller, auf der anderen ihre Kunden. KI gibt den Kunden Fähigkeiten an die Hand, die bisher wesentlich bei den Herstellern lagen. Dasselbe System, das einem Anbieter beim Entwickeln hilft, kann einem Käufer dabei helfen, dessen Produkt teilweise überflüssig zu machen.
Auch die Anbieter reagieren. Salesforce öffnet seine Plattform mit Headless 360 für Agenten. Nach eigener Darstellung könnten diese Funktionen über technische Schnittstellen nutzen. Die gewohnte Oberfläche, durch die sich Menschen bislang klicken, wird damit für diese Arbeit entbehrlich. Käufer bauen eigene Alternativen, Anbieter richten ihre Produkte auf neue Bediener aus. Beide Entwicklungen treffen den Kern der bisherigen Softwarewelt.
Wartung ist kein Gegenargument gegen KI
Der naheliegende Einwand lautet: Software besteht aus mehr als dem ersten funktionierenden Programm. Sie muss gewartet, abgesichert, dokumentiert und weiterentwickelt werden. Richtig. Nur: Auch diese Arbeit verändert sich durch KI.
Wer die Erstentwicklung mit modernen Agenten kalkuliert, bei der Wartung aber gedanklich zum rein manuellen Arbeiten zurückkehrt, vergleicht zwei unterschiedliche Welten. KI kann bestehenden Code erklären, Fehler suchen, Tests ergänzen, Änderungen überprüfen und veraltete Teile überarbeiten. Der Fortschritt erfasst den gesamten Lebenszyklus der Software.
Das ist bereits praktische Arbeit. In einem Bericht vom 14. Oktober 2026 beschreibt ein OpenAI-Team den Einsatz von Codex zur Pflege bestehender Software. Mehr als 1.400 Wartungsänderungen seien übernommen worden. Die Agenten hätten unter anderem ungenutzten Code und alte Experimente untersucht, Belege für Änderungen zusammengetragen und die Überarbeitung zur Prüfung vorbereitet.
Damit dreht sich das Argument: KI-gestützte Wartung und Weiterentwicklung sind ein weiterer Grund, individuelle Software neu zu bewerten. Ein Betrieb kann seine Lösung laufend anpassen, statt bei jeder Besonderheit auf die Prioritäten eines fremden Produktplans angewiesen zu sein. Entscheidend ist, wie die gesamte Arbeit organisiert wird. Die Tatsache, dass es nach dem ersten Prototyp weitergeht, verteidigt noch kein Standardsoftware-Abo.
Der faire Vergleich ist die wirkliche Softwarewelt
Die pauschale Behauptung, KI liefere schlechteren Code als menschliche Programmierer, ist längst überholt. Ihr liegt oft ein merkwürdiger Vergleich zugrunde: ein beliebiger KI-Entwurf auf der einen Seite und der fehlerfreie, umfassend dokumentierende Idealentwickler auf der anderen. Unternehmen müssen mit der tatsächlichen Qualität ihrer Systeme arbeiten. Dazu gehören auch historisch gewachsener Code, fehlende Dokumentation und Änderungen, deren Folgen niemand vollständig überblickt.
Moderne Coding-Agenten können zusammenhängende Codebestände bearbeiten, eine vorgegebene Struktur einhalten, Dokumentation ergänzen und Änderungen anhand von Tests überprüfen. Diese Fähigkeiten gehören in jede ernsthafte Qualitätsbewertung. Saubere Struktur und nachvollziehbare Änderungen sind keine exklusiven Eigenschaften handgeschriebenen Codes.
Anthropic zufolge seien im Mai 2026 mehr als 80 Prozent des im eigenen Unternehmen übernommenen Codes von Claude geschrieben worden. Mit Code Review lasse das Unternehmen zudem Agenten nach Fehlern suchen und deren Befunde überprüfen. Das sind konkrete Einsatzfelder weit über die automatische Vervollständigung einzelner Codezeilen hinaus.
Entscheidend ist das Ergebnis: Erfüllt die Software ihren Zweck? Sind Aufbau und Änderungen verständlich? Lassen sich Fehler finden und Erweiterungen zuverlässig einbauen? Die Zahl manuell getippter Zeichen sagt darüber erstaunlich wenig aus.
Spott über Vibe Coding ist keine Technologieanalyse
Die zusätzlichen Finger früher KI-Bilder sind zum Sinnbild für diese Debatte geworden. Ein sichtbarer Fehler wird zum Beweis erklärt, dass die ganze Technologie nicht ernst zu nehmen sei. Bei generierten Filmen richtete sich der Blick auf inkonsistente Bilddetails. Coca-Cola setzte bereits für seine Weihnachtskampagne 2024 auf KI-generierte Fassungen von „Holidays Are Coming“. Heute trifft die grundsätzliche Abwertung häufig das sogenannte Vibe Coding, also die Entwicklung über natürlichsprachige Anweisungen und fortlaufende Rückmeldung.
Unter diesem Begriff wird vieles zusammengeworfen: ein hastig gebautes Experiment ebenso wie die systematische Arbeit mit Anforderungen, Tests und Codeprüfung. Wie weit sich die Entwicklung mit Agenten bereits verändert hat, zeigen wir auf der KI Woche auch an konkreten Projekten.
Wer einen Fehler findet, hat einen Fehler gefunden. Daraus eine dauerhafte Grenze einer schnell fortschreitenden Technologie abzuleiten, ist eine andere Behauptung. Genau dort liegt der Denkfehler. Man kann die Schwäche einer Version präzise beschreiben und trotzdem die Entwicklung völlig unterschätzen. Wer heute über die Codequalität von KI urteilt, muss mit aktuellen Systemen arbeiten und ihre Ergebnisse prüfen. Der Spott über einen alten Versuch ersetzt diese Auseinandersetzung nicht.
Agent, Speicher und Board als neue Arbeitsweise
Was folgt daraus für einen Betrieb? Zunächst ein anderer Ausgangspunkt. Sie beschreiben, welche Arbeit erledigt werden soll. Daraus ergibt sich, welche Daten, Regeln und Funktionen gebraucht werden. Das Konzept von No More Tools verbindet dafür drei Elemente:
Logik und Bearbeitung: Der Auftrag wird in Arbeitsschritte übersetzt.
Dateien und Daten: Der Betrieb behält seine gemeinsame Grundlage.
Aufgaben und Ergebnisse: Sie sehen, was läuft und wo Sie entscheiden.
Der KI-Agent bearbeitet die Aufgabe. Er zieht Informationen heran, verbindet sie und führt die erlaubten Schritte aus. Feste Berechnungen, Berechtigungen und verbindliche Regeln werden ausdrücklich umgesetzt. Der Agent arbeitet innerhalb dieser Vorgaben und kann zugleich bei der Entwicklung, Prüfung und Verbesserung der Lösung helfen.
Der zentrale Speicher hält das Wissen zusammen. Unterlagen, E-Mails und Entwürfe gehören in eine geordnete Ablage. Strukturierte Geschäftsdaten können in einer Datenbank oder einem vorhandenen Kernsystem bleiben. Entscheidend ist der Zusammenhang: Welcher Stand gilt, welche Quelle gehört dazu und welche Information braucht der nächste Arbeitsschritt?
Das Management-Board zeigt die Arbeit. Sie sehen Aufträge, Fortschritt, Ergebnisse und offene Freigaben. Sie können Prioritäten ändern, eine Quelle prüfen und entscheiden. Die Arbeit wird für Sie über den Vorgang zugänglich, statt dass Sie sich für jeden einzelnen Schritt durch eine andere Anwendung bewegen müssen.
Eine Lieferauskunft braucht kein halbes Büro
Ein Kunde fragt nach einem Termin. Bisher sucht jemand die Bestellung, öffnet eine Tabelle, liest die letzte E-Mail und formuliert eine Antwort. Im angestrebten Ablauf beauftragen Sie den Agenten, den Lieferstand zu prüfen und die Antwort vorzubereiten. Das Board zeigt den Entwurf samt Grundlage. Fehlt eine verbindliche Zusage, wird genau diese Entscheidung sichtbar.
Dieses Gedankenbeispiel beschreibt den entscheidenden Wechsel: Das Unternehmen beauftragt ein Ergebnis. Der Zusammenhang der Informationen und die Bearbeitungsschritte werden Teil seiner eigenen Lösung. Wenn sich der Ablauf ändert, kann die Lösung mitverändert werden. Genau darin liegt der Wert individueller Software: Sie darf Ihren Betrieb kennen, seine Begriffe und seine Ausnahmen.
Was dieser Wechsel für Unternehmen bedeutet
Ist damit jede Standardsoftware überflüssig?
Der Kaufgrund jeder Standardsoftware muss neu begründet werden. Eine Fachanwendung kann durch verlässliche Regeln, bewährte Abläufe oder eine sinnvolle Integration ihren Platz haben. Aber „Das haben wir schon immer gekauft“ und „Eigenentwicklung ist zu aufwendig“ reichen als pauschale Antworten nicht mehr. KI verändert die Alternativen.
Was wird aus den Programmierern?
Technisches Können bekommt einen größeren Wirkungsbereich. Wer Anforderungen versteht, gute Architektur entwirft und Ergebnisse beurteilen kann, kann mit Agenten mehr umsetzen. Die händische Erzeugung jeder einzelnen Codezeile verliert dabei an Bedeutung. Das verändert Rollen, Teamgrößen und Geschäftsmodelle.
Wo sollte ein Unternehmen beginnen?
Bei einem wiederkehrenden Vorgang, den die eigenen Leute gut kennen. Beschreiben Sie das gewünschte Ergebnis, die nötigen Informationen und die Entscheidungen. Dann vergleichen Sie die bisherige Arbeit mit einer individuell aufgebauten Lösung. Beziehen Sie KI dabei von Anfang an auch in Tests, Dokumentation und spätere Änderungen ein. So prüfen Sie die neue Arbeitsweise insgesamt.
Ist No More Tools wieder ein zusätzliches Softwareabo?
No More Tools ist mein Konzept und meine Begleitung für diese Veränderung. Wir entwerfen eine Arbeitsweise um Ihren Betrieb herum. Es gibt keinen festen Funktionskatalog mit einer weiteren Benutzerlizenz. Ein qualifiziertes eigenes Team kann das Konzept ebenfalls umsetzen. Das Buch erklärt die Überlegungen unabhängig von einer Beauftragung.
Ein Buch für die nächste Softwareentscheidung
Es wird mehr Code geben. Zugleich wird die Selbstverständlichkeit brüchig, mit der Unternehmen fertige Anwendungspakete kaufen und ihre Arbeit danach ausrichten. Die KI Woche begleitet diese Entwicklung mit Beiträgen über Agenten als neue Form von Software und die Veränderung klassischer Softwareprodukte. Mein Buch führt diese Gedanken zu einer Entscheidung im eigenen Betrieb zusammen.
Die entscheidende Frage lautet längst: Wie viel Ihrer heutigen Software würden Sie noch kaufen, wenn Sie heute neu anfangen? Lesen Sie die Leseprobe von Software ist tot. Und wenn Ihnen dabei ein konkreter Ablauf einfällt, finden Sie bei No More Tools das Konzept sowie die Begleitung für Ihren ersten Schritt.
Drei Fragen für die nächste Softwareentscheidung
1. Vom Betrieb ausgehen: Wie sollte dieser Vorgang idealerweise ablaufen, wenn keine vorhandene Software den Weg vorgäbe?
2. Die ganze Entwicklung betrachten: Wie kann KI beim Bauen, Prüfen, Dokumentieren und späteren Anpassen helfen?
3. Den Kaufgrund prüfen: Welche Leistung des bisherigen Produkts brauchen Sie wirklich, und wie würden Sie diese heute bereitstellen?




