Brett Adcock, Gründer des Flugtaxi-Pioniers Archer Aviation und des Robotik-Schwergewichts Figure AI, hat eine radikale Vision: Er wolle im Alltag weder stundenlang an einem Computer sitzen noch ständig auf ein Smartphone blicken. Als Lösung stellte das US-Unternehmen am Dienstagabend offiziell Hark Pro vor. Die Software versteht sich als proaktives KI-Betriebssystem für den Alltag und startet ab sofort als Web-Applikation sowie für iOS und Android. Nachdem Adcock im März 2026 mit einem 700 Millionen Dollar schweren Team in die Entwicklung einer persönlichen Intelligenz gestartet war, folgt nun der erste frei zugängliche Markteintritt.

Das Besondere an Hark Pro liegt im Bruch mit bisherigen Bedienkonzepten. Während etablierte Sprachmodelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini primär als reaktive Text-Chatbots agieren, soll Hark Aufgaben nicht nur besprechen, sondern autonom im Hintergrund auf einem virtuellen Rechner abarbeiten. Neben Adcock treibt vor allem ein prominenter Neuzugang das Projekt voran: Abidur Chowdhury, der im September 2025 bei Apple noch das ultraflache iPhone Air auf der Keynote präsentierte und kurz darauf als Chefdesigner zu Hark wechselte.

Eine grafische Oberfläche für autonome Agenten

Chowdhury vergleicht aktuelle KI-Chatbots mit veralteten Kommandozeilen aus den Frühzeiten der Informatik. Nutzer müssten heute noch immer Befehle in ein leeres Textfeld eintippen und auf eine Antwort warten. Das Ziel von Hark sei es, gewissermaßen die „Maus für die KI-Ära“ zu entwickeln - eine visuelle Bedienoberfläche, die komplexe Agenten-Interaktionen für jedermann zugänglich macht.

Das Interface von Hark Pro unterscheidet sich daher deutlich von gewohnten Chatfenstern:

  • Dynamischer Hintergrund: Die Arbeitsumgebung spiegelt Tageszeit, Lichtstimmung und das lokale Wetter wider, um eine ruhige, aufgeräumte Atmosphäre zu erzeugen.
  • Proaktive Karten: Sobald Nutzer ihre E-Mail-Postfächer und Kalender verknüpfen, analysiert das System anstehende Verpflichtungen. Hark wartet nicht auf Eingaben, sondern blendet vorausschauende Aktionskarten ein - etwa die Bestätigung eines Arzttermins, die Freigabe einer Lieferung oder das Bezahlen einer fälligen Stromrechnung per Knopfdruck.
  • Modulare Panels: Über eine integrierte Komponentenbibliothek können sich Anwender ohne Programmierkenntnisse persönliche Mini-Programme zusammenstellen - beispielsweise Tracker für monatliche Kreditkartenausgaben, Kalender-Widgets oder Trainingsprotokolle.

Handoff: Ein Cloud-Computer übernimmt das Klicken

Das funktionale Rückgrat der Plattform nennt sich Handoff. Anstatt ausschließlich auf vorgefertigte Programmierschnittstellen (APIs) zurückzugreifen, startet Hark im Hintergrund eine private, virtuelle Rechnerumgebung in der Cloud. Dieser Agent steuert einen echten Web-Browser, navigiert durch Webseiten, überwindet Anmeldemasken und füllt Formulare aus.

Im offiziellen Vorstellungsvideo demonstrierte Adcock neun konkrete Alltagsbeispiele: Handoff reichte Spesenbelege beim Finanzdienstleister Ramp ein, kündigte per Klickstrecke ein bestehendes ChatGPT-Abonnement, erstellte Rücksendeetiketten bei Amazon, rief einen Fahrdienst und bestellte ein Abendessen über DoorDash. Laut Adcock sei das zugrundeliegende System in unabhängigen Tests als derzeit weltweit leistungsfähigstes Computer-Use-Modell bewertet worden - konkrete Benchmark-Zahlen oder Testprotokolle nannte das Unternehmen bei der Vorstellung allerdings nicht.

Darüber hinaus soll Hark Zusammenhänge antizipieren. Bestellt ein Anwender beispielsweise ein Kinoticket, schlägt das System ungefragt vor, im selben Schritt einen passenden Parkplatz im nahegelegenen Parkhaus zu reservieren und den Zufahrtscode bereitzustellen.

Bereich Funktion bei Hark Pro Einordnung & Status
Bedienung (GUI) Proaktive Karten, Panels und Konversations-Thread statt starrer Chatmaske Von Ex-Apple-Designer Abidur Chowdhury gestaltet; reduziert manuelle Eingaben
Agentensystem (Handoff) Cloud-Computer steuert Browser und Terminal für reale Web-Transaktionen Überwindet fehlende APIs; erfordert jedoch minutenlange Ausführungszeiten
Preise & Verfügbarkeit Kostenlose Basisstufe; Pro-Abos für 20 $ (2x Nutzung) und 100 $ (10x Nutzung) Ab sofort verfügbar auf Web, iOS und Android; Hardware erst für 2027 geplant
Sicherheit „Secured by Hark“ verschlüsselt Logins und Kreditkartendaten serverseitig Umfassender Zugriff auf persönliche Konten birgt erhebliche Vertrauenshürden

Der Realitätscheck: Wartezeiten, Datenschutz und das Hardware-Rätsel

Trotz der eindrucksvollen Produktinszenierung zeigen erste Praxiseindrücke, wo die Grenzen des Ansatzes liegen. Technikjournalist Raymond Wong von Gizmodo begleitete eine Live-Demonstration, bei der Handoff eine Essensbestellung über DoorDash abwickelte. Der Vorgang zog sich über mehrere Minuten hin, während der Agent Formulare und Menüs durchlief. Manuell in der Smartphone-App hätte die Bestellung nur Sekunden gedauert. Wie entscheidend die Latenzzeit bei autonomen Agenten im Alltag ist, bleibt einer der zentralen Knackpunkte der Technologie.

Ein noch größeres Fragezeichen steht hinter dem Sicherheitskonzept. Damit Hark proaktiv unterstützen kann, verlangt das System Vollzugriff auf private Postfächer, Kalender und Bezahldaten. Das Unternehmen versichert zwar, Daten niemals an Werbetreibende weiterzugeben und gespeicherte Logins auf isolierten Servern zu verschlüsseln. Dennoch birgt das automatisierte Ausführen von Finanztransaktionen und Nachrichten erhebliche Risiken, wie nicht zuletzt die jüngsten Debatten über unbeabsichtigte Aktionen autonomer E-Mail-Agenten verdeutlicht haben.

Offen bleibt vorerst auch die Frage nach der physischen Form. Zwar ist die Software ab sofort als Gratis-Version sowie in monatlichen Abonnements für 20 oder 100 Dollar nutzbar, doch Adcocks eigentliches Ziel reicht weiter: Er plant dedizierte Hardware-Geräte, die herkömmliche Computer überflüssig machen sollen. Diese Eigenentwicklungen sind jedoch erst für das Jahr 2027 angekündigt. Laut Chowdhury soll es sich dabei weder um eine Datenbrille, noch um einen KI-Ansteck-Pin, noch um eine Kombination mit Figures zweibeinigen Fabrikrobotern handeln.

🎯 Was das für die Praxis bedeutet

1. Agenten verlassen die Textebene: Reine Konversationsfenster reichen für komplexe Aufgaben nicht mehr aus. Der Trend bewegt sich mit grafischen Steuerzentralen und Cloud-Computern klar in Richtung vollständiger Handlungsfähigkeit.

2. Geduld bei komplexen Web-Abläufen: Computer-Use-Agenten sparen Denkarbeit und Klickaufwand, sind aktuell bei einfachen Alltagsaufgaben aber oft noch deutlich langsamer als ein geübter Handgriff in einer mobilen App.

3. Hohe Vertrauenshürde für Unternehmen: Wer einer KI umfassende Vollmachten für Mailkonten und Zahlungsauslöser erteilt, muss Zugriffsrechte und Haftungsfragen vorab penibel klären.

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📰 Quellen
Brett Adcock auf X ↗ Hark Pro Launch Video ↗ Gizmodo ↗ Hark Login ↗
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