Drei Tage nach dem Launch von Claude Fable 5 erließ das US-Handelsministerium eine Exportkontroll-Direktive, die Anthropic anwies, den Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 für alle ausländischen Staatsangehörigen zu sperren - unabhängig von deren Aufenthaltsort, also auch für Nicht-US-Bürger innerhalb der USA. Da Anthropic keine Möglichkeit hatte, kurzfristig zwischen US-Bürgern und Nicht-US-Bürgern zu unterscheiden, nahm das Unternehmen beide Modelle vollständig vom Netz. Seitdem rätselt die Branche, wer diese Krise ausgelöst hat - und ob dahinter mehr steckt als reine Sicherheitspolitik. In den vergangenen Tagen haben sich die Indizien verdichtet.
Trumps Enthüllung: Ein Wettbewerber und Miteigentümer
Im Axios-Interview vom 19. Juni sprach Präsident Trump erstmals öffentlich über die Hintergründe der Fable-Sperre (ab 27:45). Auf die Frage, ob er Anthropic oder CEO Dario Amodei als Sicherheitsrisiko betrachte, antwortete er: "Well, not now, but a week ago, maybe." Er sei am Vortag beim G7-Gipfel mit Amodei zusammengetroffen und dieser habe "very quickly" und "very responsibly" auf die Anordnung reagiert.
Die eigentliche Brisanz liegt in einem anderen Abschnitt des Interviews. Auf die Frage, ob er den Defense Production Act einsetzen würde, um nationale KI zu kontrollieren, sagte Trump: "Actually it was a competitor, and a part owner, that turned Anthropic in. They didn't like what they were doing. They were very concerned. Think of it, it's a part owner, and I think it worked out very well." - ein Wettbewerber und gleichzeitig Miteigentümer habe also Anthropic gemeldet.
Amazons Rolle: Jailbreak-Entdeckung und direkter Draht ins Weiße Haus
Die Beschreibung - "competitor" und "part owner" zugleich - passt auf einen Akteur besonders genau: Amazon. Mehreren Berichten zufolge - darunter The Information - sollen Amazon-Forscher den Jailbreak in Fable 5 entdeckt haben, der letztlich die Exportkontroll-Direktive auslöste. Amazon-CEO Andy Jassy soll die Erkenntnisse persönlich an hochrangige Beamte der Trump-Administration weitergeleitet haben, darunter Finanzminister Scott Bessent.
Amazon hat bis zu 33 Milliarden Dollar in Anthropic investiert und stellt gleichzeitig die Cloud-Infrastruktur bereit - ist aber auch größter Geldgeber eines direkten Konkurrenten. Amazons 50-Milliarden-Dollar-Investition in OpenAI, die im Februar 2026 bekanntgegeben wurde, macht das Unternehmen zum Investor bei zwei der drei führenden KI-Anbieter gleichzeitig. Auch Google (Gemini) ist gleichzeitig Wettbewerber und Miteigentümer von Anthropic - doch auf keinen anderen Akteur passt Trumps Formulierung "competitor and part owner" so präzise wie auf Amazon, das diese Doppelrolle am offensichtlichsten verkörpert. Ob Amazons Meldung des Jailbreaks rein sicherheitsmotiviert war oder auch strategische Interessen eine Rolle spielten, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beurteilen.
In sozialen Medien kursieren seit Tagen Theorien über Amazons mögliche Motive. Die Bandbreite reicht von legitimer Sicherheitssorge bis hin zu Spekulationen über einen gezielten Versuch, einen Konkurrenten zu schwächen. Keines dieser Szenarien lässt sich derzeit belegen oder ausschließen.
Die SK-Telecom-Verbindung
Eine zweite Spur führt nach Südkorea. Mehreren Berichten internationaler Techmedien zufolge gehörte SK Telecom, Südkoreas größter Mobilfunkanbieter, zu den rund 150 Organisationen mit Zugang zu Anthropics Project Glasswing.
In den Tagen vor der Exportkontroll-Direktive soll das Weiße Haus Anthropic aufgefordert haben, SK Telecoms Zugang zum Mythos-Modell zu widerrufen. Hintergrund sollen Bedenken wegen angeblicher geschäftlicher Verbindungen von SK Telecom nach China gewesen sein. Anthropic soll der Aufforderung sofort nachgekommen sein. Ob und wie dieser Einzelfall die Eskalation zur Exportkontroll-Direktive beeinflusst hat, ist unklar.
Die David-Sacks-Perspektive
Aufschlussreich ist die Diskussion im All-In Podcast vom 19. Juni (ab 33:34). David Sacks, einer der vier Hosts und gleichzeitig Co-Vorsitzender des President's Council of Advisors on Science and Technology, behauptete dort, Dario Amodei sei vor dem Sicherheitsproblem gewarnt worden und habe sich geweigert, es vor Erlass der Direktive zu beheben. Anthropic hat dieser Darstellung öffentlich widersprochen und den angeblichen Jailbreak als "narrow" und "non-universal" bezeichnet - eine bekannte Schwachstelle, die auch mit anderen Modellen ausgenutzt werden könne.
Sacks' Doppelrolle als Regierungsberater und Podcast-Host macht die Einordnung seiner Aussagen schwierig. Er hat offensichtlich Zugang zu nichtöffentlichen Informationen, kommuniziert diese aber in einem Unterhaltungsformat, das keine journalistische Sorgfaltspflicht kennt.
Glasswing-Partner behalten Zugriff
Während Fable 5 und Mythos 5 für die breite Öffentlichkeit gesperrt bleiben, arbeitet ein Teil des Ökosystems weiter. Laut einem Bloomberg-Bericht vom 19. Juni haben rund 200 Organisationen im Rahmen von Project Glasswing weiterhin Zugriff auf die Mythos Preview - die Version des Modells, die für die Erkennung von Sicherheitslücken optimiert ist. Da die Exportkontroll-Direktive sich auf "ausländische Staatsangehörige" bezieht, könnten US-basierte Organisationen mit US-Personal von der Einschränkung nicht betroffen sein - die genauen rechtlichen Kriterien sind allerdings nicht öffentlich bekannt.
Zu den bestätigten Partnern mit weiterhin aktivem Zugang gehören demnach Cisco Systems und Dragos. Die EU-Cybersicherheitsagentur ENISA, die für das Glasswing-Programm vorgesehen war, soll hingegen nach dem US-Block informiert worden sein, dass ihr kein Zugang mehr gewährt werde.
Das Gesamtbild
Was sich aus den verschiedenen Puzzleteilen ergibt, ist kein fertiges Bild, sondern ein Mosaik aus Indizien, das mehrere Lesarten zulässt. Amazon entdeckte den Jailbreak und meldete ihn - als verantwortungsvoller Sicherheitspartner, als strategischer Akteur, oder beides. SK Telecom verlor seinen Glasswing-Zugang wegen China-Bedenken - ob dies die Eskalation beschleunigte, ist Spekulation. Und rund 200 Glasswing-Partner arbeiten still weiter mit dem Modell, während der Rest der Welt wartet.
Definitiv belegen lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt wenig. Was sich sagen lässt: Die Exportkontroll-Direktive vom 12. Juni war keine spontane Reaktion eines einzelnen Beamten, sondern das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus Sicherheitsbedenken, Unternehmensinteressen und geopolitischen Spannungen. Wer welchen Faden zuerst gezogen hat, wird sich möglicherweise erst zeigen, wenn die Geschichte aufgearbeitet wird.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. Abhängigkeiten prüfen: Wer geschäftskritische Prozesse auf einem einzigen KI-Anbieter aufbaut, riskiert, dass eine Exportkontroll-Entscheidung den Zugang über Nacht kappt. Multi-Provider-Strategien sind keine Paranoia, sondern Risikomanagement.
2. Investorenkonflikte beobachten: Die Verflechtungen zwischen KI-Anbietern und ihren Großinvestoren werden zunehmend geschäftsrelevant. Amazons gleichzeitige Rolle als Anthropic-Investor und OpenAI-Geldgeber zeigt, wie komplex die Interessenlagen inzwischen sind.
3. Exportkontrolle als neues Risiko: KI-Modelle können jetzt wie physische Güter per Exportkontrolle reguliert werden. Die Fable-Direktive traf formal nur ausländische Staatsangehörige - in der Praxis führte sie aber zur vollständigen Abschaltung, weil die Nationalitätsprüfung technisch nicht umsetzbar war.





