In der Softwarebranche etabliert sich ein bemerkenswerter neuer Volkssport: Was früher Hunderte oder gar Tausende hochspezialisierte Ingenieure über Jahrzehnte hinweg aufgebaut haben, bauen einzelne Entwickler mit modernen KI-Agenten heute in wenigen Tagen oder Wochen nach. Was vor kurzem noch wie ein unüberwindbarer Burggraben aus Millionen Codezeilen, proprietären Dateiformaten und gewachsenen Menüstrukturen wirkte, zerbröckelt vor aller Augen. Doch dieser Trend ist kein kurzlebiger Internet-Gag, sondern das sichtbare Vorbeben einer fundamentalen wirtschaftlichen Umwälzung.
Genau diese Entwicklung beschreibe ich in meinem Buch Software ist tot: Standardsoftware und klassische Software-Anwendungen, wie wir sie seit vierzig Jahren kennen, werden in kürzester Zeit kein Produkt mehr sein, mit dem sich als reines Softwarepaket verlässlich Geld verdienen lässt. Was wir jetzt bei Projekten wie ArtCraft oder Folio beobachten, ist der praktische Beweis für zwei gegensätzliche Kräfte, die das bisherige Geschäftsmodell der Digitalwirtschaft in die Zange nehmen.
Der Nachbau-Boom: Wenn c't mit ArtCraft schneidet und Berman Folio baut
Den Auftakt dieser Welle markierte das Open-Source-Projekt ArtCraft, das sieben Kernprogramme der Adobe Creative Cloud in nativem Rust nachbaut. Unter dem Dach der GitHub-Organisation storytold entstanden freie, ballastfreie Werkzeuge wie PhotoCraft (als Photoshop-Alternative) und FilmCraft (als Schnittprogramm). Wie weit die Entwicklung in der Praxis bereits trägt, demonstrierte nun die Redaktion von c't 3003: Die Journalisten stellten die Werkzeuge auf die Probe und schnitten ein komplettes YouTube-Video mit der Open-Source-Alternative:
Das Fazit der Tester zeigt zwar, dass frühe Versionen noch Kanten aufweisen und anspruchsvolle Spezialeffekte nicht über Nacht perfekt kopiert werden. Doch der Kern der Nachricht ist ein anderer: Die funktionale Basisschicht komplexer Kreativsoftware lässt sich mit Unterstützung von Sprachmodellen heute in einem Bruchteil der historischen Entwicklungszeit reproduzieren - lokal, ohne Abo-Gebühren und ohne Telemetrie.
ArtCraft ist längst kein Einzelfall mehr. Immer mehr Programmierer und Content-Creator nehmen sich kommerzielle Softwareklassiker vor. Der bekannte KI-Erklärer Matthew Berman veröffentlichte unter dem Namen Folio einen quelloffenen, schnellen PDF-Reader und -Editor als Alternative zu Adobe Acrobat:
Berman erklärte dazu auf X, er habe sich mittlerweile komplett dem Konzept maßgeschneiderter Eigenbauten verschrieben („custom-software-pilled“). Neben dem PDF-Werkzeug habe er bereits freie Versionen weiterer kommerzieller Überwachungs- und Analyse-Tools erstellt. Seine knappe Schlussfolgerung: Klassische Software sei am Ende.
Kraft 1: Grenzkosten gegen null - das Angebot explodiert
Um zu verstehen, warum diese Klone erst der Anfang sind, muss man die zugrundeliegende Ökonomie betrachten. Das traditionelle Geschäftsmodell für Standardsoftware beruhte auf einer einfachen Gleichung: Hohe anfängliche Fixkosten für Entwicklung und Programmierung wurden über Lizenzgebühren oder monatliche Abonnements auf möglichst viele Nutzer umgelegt. Wer einen soliden Burggraben aus Funktionen und Nutzeroberflächen errichtet hatte, konnte verlässlich planbare Umsätze verbuchen.
Durch generative KI-Agenten sinken die Grenzkosten für das Schreiben, Strukturieren und Debuggen von Quellcode jedoch rapide in Richtung null. Was früher Jahre an Teamarbeit verschlang, lässt sich durch präzise Prompts und mehrstufige Agentensysteme in wenigen Tagen zusammenfügen. Wenn aber die Erstellungskosten gegen null gehen, explodiert das Angebot: Für jede etablierte Standardanwendung entstehen Dutzende freie Klone, quelloffene Werkzeuge oder unternehmensinterne Eigenbauten. Ein Monopol über Codezeilen lässt sich unter diesen Bedingungen nicht mehr verteidigen.
Kraft 2: Software war nur eine Krücke für den Menschen
Die zweite Kraft ist noch gravierender, wird jedoch von den meisten Softwareanbietern weiterhin ignoriert: Nicht nur das Angebot an Software explodiert, sondern der Bedarf an Software-Anwendungen selbst bricht ein.
Warum gab es überhaupt Software-Programme? Weil Menschen biologische Beschränkungen haben. Ein Mensch kann keine rohen Datenbanktabellen im Kopf abfragen, keine komplexen Berechnungen parallel ausführen und keine Rohdateien durch bloße Willenskraft transformieren. Wir brauchten Software als Vermittlerin zwischen unserem Gehirn und der Maschine: bunte Schaltflächen, verschachtelte Menüs, Formularfelder, Validierungsregeln und Klickpfade. Software war die Krücke, die der Mensch benötigte, um dem Computer mitzuteilen, was er tun soll.
Eine moderne KI benötigt diese Krücke nicht mehr. Ein intelligenter Agent ist Bediener und Tool zugleich:
- Die Logik liegt im Modell: Die Geschäftslogik, die bisher starr in tausenden Zeilen Programmcode gegossen war, wird von der KI dynamisch und kontextabhängig im Augenblick der Aufgabe ausgeführt.
- Keine Oberfläche erforderlich: Ein Agent muss sich nicht durch fünf Eingabemasken klicken oder einen Menübaum durchsuchen. Er greift direkt auf Rohdaten zu, analysiert Zusammenhänge und erzeugt das fertige Arbeitsergebnis.
- Alles, was bleibt, ist Speicher und Rechenleistung: Unternehmen brauchen verlässliche Datenspeicher für ihre Dokumente und Geschäftsdaten sowie Rechenleistung für ihre Modelle. Die teure Anwendungsschicht dazwischen - das bisherige Fundament der SaaS-Branche - wird schlicht überflüssig.
Was jetzt passiert - und was kommt
In Software ist tot beschreibe ich genau diese Transformation: Erst bauen Entwickler bestehende Programme nach, weil ihre Denkmuster noch in den vertrauten Kategorien von Fenstern, Werkzeugleisten und Dateiformaten verhaftet sind. ArtCraft und Folio sind die Zwischenstufe dieses Übergangs. Sie beweisen, dass die Festung der Softwarehersteller gestürmt werden kann.
Im nächsten Schritt verschwindet die Anwendung selbst. Wenn Großkonzerne wie Starbucks ihre Kernsysteme mit KI bereits selbst entwickeln, tun sie das nicht, um den nächsten überladenen Software-Monolithen zu zimmern. Sie bauen schlanke, flexible Schnittstellen, bei denen KI-Agenten die Arbeit direkt auf den Daten des Betriebs erledigen. Wie ich auch in unserem Beitrag über den Abschied von der Standardsoftware dargelegt habe: Künftig gibt der Betrieb den Ablauf vor, und die technische Logik wird situativ darum herum generiert.
Wer heute noch darauf setzt, mit dem Verkauf von Standardanwendungen und starren Benutzerlizenzen dauerhaft Geld zu verdienen, unterschätzt die Geschwindigkeit des Wandels. Software ist kein wertvolles Gut mehr, sondern billige Massenware. Der wirkliche Wert liegt in den eigenen Daten, im Prozesswissen des Betriebs und in der Fähigkeit, intelligente Agenten sinnvoll zu steuern.
Drei Konsequenzen für die eigene Software-Strategie
1. Lizenzkosten radikal hinterfragen: Prüfen Sie jedes teure Software-Abo darauf, ob Sie die Funktion oder lediglich eine Krücke für manuelle Klickarbeit bezahlen. Viele Standardaufgaben lassen sich heute bereits durch schlanke Eigenlösungen oder Agenten abbilden.
2. Datenhoheit vor Funktionsvielfalt: Vermeiden Sie Systeme, die Ihre Betriebsdaten in proprietären Silos einsperren. Halten Sie Dokumente und Daten in offenen, sauberen Speichern, auf die KI-Modelle direkt zugreifen können.
3. Vom Bediener zum Auftraggeber werden: Trainieren Sie Ihr Team nicht mehr darauf, komplexe Softwaremenüs auswendig zu lernen, sondern klare Anforderungen und Prüfkriterien für autonome Agenten zu formulieren.
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