Das Phänomen, dass Arbeiter quasi ihre eigenen virtuellen „Nachfolger" trainieren, ist kein reines Phänomen der physischen Welt mehr. Nach den Berichten über Menschen, die sich beim Wäschefalten filmen (→ KI Woche Analyse), hält dieser Trend nun auch Einzug in die Angestelltenwelt der Wissensarbeiter. Wie die Nachrichtenagentur Reuters exklusiv berichtet, geht der Tech-Konzern Meta einen drastischen Schritt: Auf den Computern von US-Mitarbeitern wird Software implementiert, um Mausbewegungen, Klicks und Tastatureingaben systematisch zu erfassen.

Ziel der Maßnahme ist es laut Meta, hochwertige Daten für das Training der eigenen KI-Modelle zu gewinnen. Der Konzern will damit aufzeichnen, wie seine Mitarbeiter konkret am Computer arbeiten, um diese Arbeitsabläufe später durch Künstliche Intelligenz automatisieren zu können.

„Niemand liest es. Das ist das Design."

Die Enthüllung sorgte unmittelbar für scharfe Kritik. Viele Beobachter und Mitarbeiter sehen darin eine dystopische Überwachungsmaßnahme und fürchten, dass ihre Daten dazu genutzt werden, künftig ihre eigenen Jobs überflüssig zu machen. Doch Meta weist den Vorwurf der Überwachung entschieden zurück.

Peter Girnus, Senior Director of Workforce Intelligence bei Meta, nahm auf der Plattform X (ehemals Twitter) offen Stellung und verteidigte das Vorgehen mit bemerkenswerter, fast schon zynischer Direktheit:

„Ich möchte klarstellen, was wir tun... Das ist keine Überwachung. Das sind Trainingsdaten... Jeder Mitarbeiter hat dem zugestimmt... Jeder unterschreibt es. Niemand liest es. Das ist das Design."

Die philosophische Dimension der Datenerfassung

Girnus' Aussage wirft ein Schlaglicht auf die Mechanik und Natur moderner Datenerfassung. Seine Unterscheidung zwischen Überwachung (Surveillance) und Trainingsdaten (Training Data) ist dabei zentral: Während klassische Überwachung darauf abzielt, die Leistung oder das Verhalten des einzelnen Mitarbeiters zu bewerten, geht es bei der Erfassung von Trainingsdaten nicht mehr um das Individuum. Der Mensch dient hier als Lieferant eines Verhaltensmusters, das maschinell erlernt und später automatisiert repliziert werden soll.

Aus europäischer Sicht ist eine solche Praxis — auch die von Girnus beschriebene Mechanik der Zustimmungseinholung — mit hiesigen Arbeitnehmerschutz-Interessen nur schwer in Einklang zu bringen. Doch die brennendste Debatte, die durch diesen Vorstoß ausgelöst wird, ist gar nicht primär juristischer, sondern ethischer und philosophischer Natur.

Selbst wenn man der Argumentation folgt, dass es sich hierbei nicht um Überwachung, sondern „nur" um eine Aufzeichnung zum Training von KI handelt, bleibt für die Betroffenen eine tiefergehende Frage: Was ist aus Sicht des Arbeitnehmers eigentlich gravierender? Dass jeder Klick und jede Mausbewegung überwacht wird, um die persönliche Arbeitsleistung zu kontrollieren? Oder dass jede Eingabe systematisch aufgezeichnet wird, damit exakt diese Tätigkeit in naher Zukunft ohne menschliches Zutun stattfinden kann — und der Arbeitgeber die eigene Position in wenigen Monaten vielleicht gar nicht mehr benötigt?

Vom physischen Roboter zum Software-Agenten

Die Parallelen zur physischen Welt sind frappierend. Bereits vor Wochen wurde bekannt, dass Tausende Vertragsarbeiter weltweit sich bei der Hausarbeit filmen, um Trainingsmaterial für humanoide Roboter zu liefern. In Indien dokumentieren Fabriksarbeiter jeden ihrer Handgriffe mit einer Kopf-Kamera, um Künstliche Intelligenz für diese Arbeit zu trainieren.

Was im Kleinen bei Handgriffen und Alltagsaufgaben begann, verlagert sich nun auf die Ebene kognitiver Tätigkeiten und komplexer Software-Bedienung. Wenn eine KI lernt, wie ein Wissensarbeiter recherchiert, programmiert oder E-Mails formuliert, kann sie diese Aufgaben in Zukunft autonom übernehmen.

🎯 Was das für die Praxis bedeutet

1. Beschleunigung der Automatisierung: Am allgemeinen Trend zur KI-Adoption wird dieser Aufschrei nichts ändern. Im Gegenteil: Die Erfassung realer Arbeitsabläufe wird die Übernahme vieler Bürotätigkeiten durch KI noch zusätzlich beschleunigen.

2. Zulässigkeit in Europa fraglich: In vielen europäischen Ländern würde sich unweigerlich die Frage der rechtlichen Zulässigkeit solcher Erfassungssoftware stellen. Übergeordnet spielt dies jedoch keine Rolle: Wo die Trainingsarbeiten stattfinden, ist geografisch irrelevant, solange die erlernten Fähigkeiten global einsetzbar sind.

3. Der neue Standard der Effizienz: Es geht Meta nicht um die Überwachung von Mitarbeitern, sondern um den Aufbau autonomer Systeme. Jede KI, die mit diesen Daten trainiert wurde, wird Computer genauso nutzen können wie wir — nur um ein Vielfaches günstiger und schneller. Das ist die Zukunft, auf die die meisten Unternehmen und Mitarbeiter noch nicht vorbereitet sind.

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Die Tatsache, dass Wissensarbeiter bei Tech-Konzernen wie Meta bereits systematisch erfasst werden, um ihre eigenen Software-Agenten zu trainieren, ist eine der zentralen Entwicklungen, die im Buch „Job Angst" von KI-Woche-Herausgeber Markus Kirchmair analysiert werden. Dort wird detailliert dargelegt, warum der Verlust von kognitiven Tätigkeiten keine ferne Dystopie, sondern ein ablaufender Prozess ist — und vor allem, welche Handlungsoptionen Individuen und Gesellschaften jetzt noch haben.

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📰 Quellen
Reuters ↗ Peter Girnus auf X ↗ Rohan Paul auf X ↗
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