Das Phänomen, dass Arbeiter quasi ihre eigenen virtuellen „Nachfolger" trainieren, ist kein reines Phänomen der physischen Welt mehr. Nach den Berichten über Menschen, die sich beim Wäschefalten filmen, hält dieser Trend nun auch Einzug in die Angestelltenwelt der Wissensarbeiter. Wie die Nachrichtenagentur Reuters exklusiv berichtet, geht der Tech-Konzern Meta einen drastischen Schritt: Auf den Computern von US-Mitarbeitern wird Software implementiert, um Mausbewegungen, Klicks und Tastatureingaben systematisch zu erfassen.
Ziel der Maßnahme ist es laut Meta, hochwertige Daten für das Training der eigenen KI-Modelle zu gewinnen. Der Konzern will damit aufzeichnen, wie seine Mitarbeiter konkret am Computer arbeiten, um diese Arbeitsabläufe später durch Künstliche Intelligenz automatisieren zu können.
Erst die Daten, dann der Abschied
Was diesen Vorstoß besonders brisant macht, ist der zeitliche Kontext: Wie The Next Web unter Berufung auf Reuters berichtet, plant Meta am 20. Mai 2026 den Abbau von rund 8.000 Stellen - etwa 10 Prozent der gesamten Belegschaft. Weitere Stellenstreichungen sollen in der zweiten Jahreshälfte folgen. Die Kürzungen treffen Teams in Reality Labs, der Facebook-Sparte, dem Recruiting, dem Vertrieb und dem globalen Betrieb.
Seit 2022 hat Meta unter Mark Zuckerberg insgesamt rund 25.000 Stellen gestrichen. Was als Korrektur pandemiebedingter Übereinstellungen begann, hat sich zu einer systematischen Umstrukturierung hin zur KI entwickelt. Die Investitionsausgaben für 2026 liegen bei 115 bis 135 Milliarden US-Dollar - nahezu das Doppelte des Vorjahres - und fließen fast ausschließlich in Rechenzentren, GPUs und KI-Infrastruktur.
Die Semantik der Zustimmung
Die Enthüllung sorgte unmittelbar für scharfe Kritik. Viele Beobachter und Mitarbeiter sehen darin eine dystopische Überwachungsmaßnahme und fürchten, dass ihre Daten dazu genutzt werden, künftig ihre eigenen Jobs überflüssig zu machen. Doch Meta weist den Vorwurf der Überwachung entschieden zurück.
In den sozialen Medien kursiert eine Stellungnahme, die einem gewissen Peter Girnus zugeschrieben wird - angeblich „Senior Director of Workforce Intelligence" bei Meta. Ob die Rolle tatsächlich existiert oder ob es sich um eine satirische Zuspitzung handelt, ist unklar. Die Aussage jedoch trifft den Nerv der Debatte:
„Das ist keine Überwachung. Das sind Trainingsdaten. Jeder Mitarbeiter hat dem zugestimmt. Jeder unterschreibt es. Niemand liest es. Das ist das Design."
Ob Satire oder nicht - die Aussage beschreibt präzise die Mechanik moderner Datenerfassung. Die Unterscheidung zwischen Überwachung und Trainingsdaten ist dabei zentral: Während klassische Überwachung darauf abzielt, die Leistung des einzelnen Mitarbeiters zu bewerten, geht es bei der Erfassung von Trainingsdaten nicht mehr um das Individuum. Der Mensch dient als Lieferant eines Verhaltensmusters, das maschinell erlernt und repliziert werden soll.
Die philosophische Dimension
Aus europäischer Sicht ist eine solche Praxis - auch die beschriebene Mechanik der Zustimmungseinholung - mit hiesigen Arbeitnehmerschutz-Interessen nur schwer in Einklang zu bringen. Doch die brennendste Debatte, die durch diesen Vorstoß ausgelöst wird, ist gar nicht primär juristischer, sondern ethischer und philosophischer Natur.
Selbst wenn man der Argumentation folgt, dass es sich hierbei nicht um Überwachung, sondern „nur" um eine Aufzeichnung zum Training von KI handelt, bleibt für die Betroffenen eine tiefergehende Frage: Was ist aus Sicht des Arbeitnehmers eigentlich gravierender? Dass jeder Klick und jede Mausbewegung überwacht wird, um die persönliche Arbeitsleistung zu kontrollieren? Oder dass jede Eingabe systematisch aufgezeichnet wird, damit exakt diese Tätigkeit in naher Zukunft ohne menschliches Zutun stattfinden kann - und der Arbeitgeber die eigene Position in wenigen Monaten vielleicht gar nicht mehr benötigt?
Die Antwort liefert Meta gleich mit: Dieselben Mitarbeiter, deren Arbeitsabläufe jetzt aufgezeichnet werden, stehen 30 Tage später auf der Entlassungsliste. Die traditionellen Jobtitel werden durch neue Bezeichnungen wie „AI Builder", „AI Pod Lead" und „AI Org Lead" ersetzt. Intern beschreibt Meta die Umstrukturierung als „grundlegende Neuverdrahtung unserer Arbeitsweise".
Vom physischen Roboter zum Software-Agenten
Die Parallelen zur physischen Welt sind frappierend. Bereits vor Wochen wurde bekannt, dass Tausende Vertragsarbeiter weltweit sich bei der Hausarbeit filmen, um Trainingsmaterial für humanoide Roboter zu liefern. In Indien dokumentieren Fabriksarbeiter jeden ihrer Handgriffe mit einer Kopf-Kamera, um Künstliche Intelligenz für diese Arbeit zu trainieren.
Was im Kleinen bei Handgriffen und Alltagsaufgaben begann, verlagert sich nun auf die Ebene kognitiver Tätigkeiten und komplexer Software-Bedienung. Wenn eine KI lernt, wie ein Wissensarbeiter recherchiert, programmiert oder E-Mails formuliert, kann sie diese Aufgaben in Zukunft autonom übernehmen. Meta ist dabei kein Einzelfall: Die Tech-Branche hat 2026 bereits über 95.000 Stellen in 247 Entlassungsrunden abgebaut. Amazon strich im Januar 16.000 Stellen, Oracle bis zu 30.000.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. Beschleunigung der Automatisierung: Am allgemeinen Trend zur KI-Adoption wird dieser Aufschrei nichts ändern. Im Gegenteil: Die Erfassung realer Arbeitsabläufe wird die Übernahme vieler Bürotätigkeiten durch KI noch zusätzlich beschleunigen.
2. Zulässigkeit in Europa fraglich: In vielen europäischen Ländern würde sich unweigerlich die Frage der rechtlichen Zulässigkeit solcher Erfassungssoftware stellen. Übergeordnet spielt dies jedoch keine Rolle: Wo die Trainingsarbeiten stattfinden, ist geografisch irrelevant, solange die erlernten Fähigkeiten global einsetzbar sind.
3. Der neue Standard der Effizienz: Es geht Meta nicht um die Überwachung von Mitarbeitern, sondern um den Aufbau autonomer Systeme. Jede KI, die mit diesen Daten trainiert wurde, wird Computer genauso nutzen können wie wir - nur um ein Vielfaches günstiger und schneller. Das ist die Zukunft, auf die die meisten Unternehmen und Mitarbeiter noch nicht vorbereitet sind.
📖 Buchtipp: Wenn die Automatisierung auf den Schreibtisch rückt
Die Tatsache, dass Wissensarbeiter bei Tech-Konzernen wie Meta bereits systematisch erfasst werden, um ihre eigenen Software-Agenten zu trainieren, ist eine der zentralen Entwicklungen, die im Buch „Job Angst" von KI-Woche-Herausgeber Markus Kirchmair analysiert werden. Dort wird detailliert dargelegt, warum der Verlust von kognitiven Tätigkeiten keine ferne Dystopie, sondern ein ablaufender Prozess ist - und vor allem, welche Handlungsoptionen Individuen und Gesellschaften jetzt noch haben.
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