Europäische Nutzer von OpenAI Codex bekommen ab dieser Woche vier Funktionen, die bisher nur in den USA verfügbar waren. OpenAI Developers kündigte am 16. Juni an, dass Computer Use, die Codex Chrome Extension, personalisierter Speicher (Personalized Memory) und Chronicle ab sofort für Nutzer im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), in Großbritannien und der Schweiz verfügbar sind.

Das ist mehr als ein routinemäßiger Regions-Rollout. Denn mit Computer Use und der Chrome Extension erreichen zwei Funktionen Europa, die für viele Nutzer erstmals sichtbar machen, was ein KI-Agent in der Praxis tatsächlich tut: den Computer bedienen.

Computer Use: Der Agent übernimmt Maus und Tastatur

Computer Use erlaubt dem Codex-Agenten, Desktop-Anwendungen visuell zu steuern - genau wie ein menschlicher Nutzer. Die KI analysiert Screenshots des Bildschirms, erkennt Interface-Elemente und übersetzt natürlichsprachliche Anweisungen in Klicks, Scrollbewegungen und Tastatureingaben. Das Ganze funktioniert auf macOS und Windows und erfordert die Installation des Computer-Use-Plugins sowie entsprechende Systemberechtigungen.

Das Besondere bei Codex: Die Funktion arbeitet auch auf gesperrten Macs im Hintergrund. Wer eine Aufgabe etwa vom Smartphone aus startet, kann den Rechner sperren und weggehen. Codex nutzt dafür ein Apple-autorisiertes Accessibility-Plugin, das einen sicheren Background-Unlock durchführt. Während der Agent arbeitet, wird ein schwarzes Overlay über alle Displays gelegt, physische Tastatur- und Mauseingaben werden blockiert. Sobald jemand die Maus bewegt, wird der Background-Zustand sofort aufgehoben und der Agent gestoppt.

Chrome Extension: Parallele Browser-Sessions im Hintergrund

Die Codex Chrome Extension geht einen anderen Weg. Statt den gesamten Computer zu steuern, agiert der Agent direkt im Browser - und nutzt dabei den eingeloggten Kontext des Nutzers. Das bedeutet: Codex kann auf Gmail, LinkedIn, Salesforce oder interne Firmen-Tools zugreifen, ohne dass Passwörter übergeben werden müssen. Die Extension arbeitet über Tabs hinweg und übernimmt den Browser nicht komplett.

Was dabei möglich wird, zeigt ein virales Video von Ende Mai. Ein Nutzer beschrieb, wie ein einziger Prompt sieben parallele Browser-Sessions startete - gleichzeitig Flüge, Mietwagen und Unterkünfte vergleichen, Wanderrouten recherchieren und Formulare ausfüllen. Noch nicht perfekt, aber ein Vorgeschmack auf das, was kommt.

Memory und Chronicle: Der Agent lernt dazu

Personalized Memory speichert Vorlieben, Projektkonventionen und wiederkehrende Arbeitsabläufe, damit Nutzer nicht bei jeder Sitzung von vorn erklären müssen, wie ihr Projekt aufgebaut ist. In der EU ist die Funktion aus Datenschutzgründen standardmäßig deaktiviert und muss aktiv eingeschaltet werden.

Chronicle geht noch einen Schritt weiter: Es handelt sich um eine Art passives Gedächtnis, das periodisch Screenshots des aktiven Arbeitsbereichs aufnimmt und daraus lokale Kontext-Dateien erzeugt. So versteht Codex, woran gerade gearbeitet wird, ohne dass der Nutzer es explizit beschreiben muss. Screenshots werden nach sechs Stunden automatisch gelöscht, die abgeleiteten Text-Notizen bleiben lokal gespeichert. Chronicle ist ein Opt-in Research Preview für ChatGPT-Pro-Abonnenten auf macOS.

Warum der EU-Start jetzt wichtig ist

Für europäische Nutzer endet damit die Phase der Workarounds. Wer Codex als Desktop-Agenten nutzen wollte, musste bisher auf VPN-Umwege zurückgreifen oder auf die eingeschränkte Version ohne Computer Use setzen. Mit dem Rollout schließt OpenAI eine Lücke, die Konkurrenten wie Anthropics Claude Computer Use in Europa bisher nicht hatten - zumindest nicht in dieser Form.

Die Kombination aus Computer Use und Chrome Extension macht Codex zum derzeit vielseitigsten Desktop-Agenten auf dem Markt. Und für Nutzer, die noch nie gesehen haben, wie eine KI selbstständig Maus und Tastatur bedient, dürfte das ein echter Augenöffner sein.

🎯 Was das für die Praxis bedeutet

1. Computer Use ausprobieren: Wer Codex auf dem Mac oder PC nutzt, kann die Funktion jetzt über das Plugins-Menü aktivieren. Screen Recording und Accessibility-Berechtigung müssen in den Systemeinstellungen freigegeben werden.

2. Chrome Extension installieren: Die Extension erlaubt browserbasierten Agenten-Zugriff auf eingeloggte Dienste - ideal für Recherche-, Buchungs- und Verwaltungsaufgaben über mehrere Tabs.

3. Memory bewusst steuern: In der EU ist Personalized Memory standardmäßig aus. Wer die Funktion aktiviert, sollte wissen, dass Kontext-Daten lokal gespeichert werden - unverschlüsselt und für andere Apps zugänglich.

4. Chronicle mit Bedacht nutzen: Die passive Bildschirmüberwachung verbraucht deutlich mehr Nutzungskontingent als normale Prompts. Sinnvoll für komplexe, wiederkehrende Projekte - nicht für gelegentliche Nutzung.

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📰 Quellen
OpenAI Developers auf X ↗ OpenAI Codex Changelog ↗ @georgepickett auf X ↗
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