Anthropic-CEO Dario Amodei hat ein umfassendes Policy-Programm für die KI-Ära vorgelegt. In seinem Essay „Policy on the AI Exponential" entwirft er eine Zukunft, in der KI-Modelle so mächtig werden, dass sie ganze Volkswirtschaften umwälzen - und fordert die US-Regierung auf, sich jetzt darauf vorzubereiten. Im Zentrum: eine FAA-artige Aufsichtsbehörde für Frontier-Modelle, ein Stufenplan für den Arbeitsmarkt bis hin zum Grundeinkommen und 350 Millionen Dollar eigenes Geld, um die Vorschläge zu untermauern.
Regulierung nach dem Vorbild der Luftfahrt
Amodeis Ausgangspunkt: KI entwickle sich exponentiell schneller, als politische Institutionen reagieren könnten. Die Diskrepanz sei schmerzlich - in den wenigen Jahren, die der Kongress zum Handeln brauche, könne KI vom Spielzeug zum „country of geniuses in a datacenter" heranwachsen. Seine Antwort ist ein Advanced AI Framework, das Frontier-Modelle oberhalb einer bestimmten Compute-Schwelle verpflichtend in vier Bereichen testen lassen will - Cybersicherheit, biologische Risiken, Kontrollverlust autonomer Systeme und automatisierte Forschung. Die Tests sollen von unabhängigen Dritten oder einer staatlichen Behörde durchgeführt werden. Bei nicht bestandenem Test soll die Regierung ein Deployment blockieren oder untersagen können - vergleichbar mit der Federal Aviation Administration, die Flugzeuge ohne Zulassung am Boden hält.
Der Vorschlag geht bewusst weiter als bisherige Transparenzgesetze und Selbstverpflichtungen der Branche. Amodei hatte in den vergangenen Jahren Transparenzgesetzgebung wie SB 53 in Kalifornien und RAISE in New York unterstützt, sieht diese aber nun als nicht mehr ausreichend an. Die Risiken seien inzwischen klar erkennbar - es brauche verbindliche Regeln, die für alle Anbieter gelten.
Drei Szenarien für den Arbeitsmarkt
Der umfangreichste Teil des Programms betrifft den Arbeitsmarkt. In einem separaten Economic Policy Framework legt Anthropic einen Stufenplan vor, der drei Szenarien durchspielt - je nachdem, wie stark KI menschliche Arbeit ersetzt.
Szenario 1 - rund 5 Prozent Arbeitslosigkeit: Hier setzt Anthropic auf klassische Übergangsinstrumente. Lohnversicherungen sollen Einkommenseinbußen beim Jobwechsel abfedern. Umschulungszuschüsse und eine Reform der Berufszulassungen sollen den Einstieg in neue Branchen erleichtern. Unternehmen, die Mitarbeiter umschulen statt entlassen, sollen finanzielle Anreize erhalten. Zusätzlich fordert das Papier, dass Bürger über bestehende Kapitalkonten (etwa 401k-Pläne) auch in KI-Unternehmen investieren dürfen - bisher sind dort nur Indexfonds zugelassen.
Szenario 2 - rund 10 Prozent Arbeitslosigkeit: In diesem Fall reichen Umschulungen allein nicht mehr aus. Anthropic fordert eine deutlich erweiterte Arbeitslosenversicherung, ergänzt um sektorspezifische Übergangshilfen und Grundversorgung. Gleichzeitig sollen Unternehmen Anreize erhalten, KI-Einführungen zeitlich zu strecken, um den Arbeitsmarkt nicht zu überfordern.
Szenario 3 - beispiellose Arbeitslosigkeit: Falls KI zu einem breiten Ersatz menschlicher Arbeit wird, schlägt das Papier Grundeinkommen, Staatsfonds und Kapitalbeteiligungsmodelle vor. Anthropic räumt ein, dass in diesem Szenario die Unsicherheit am größten sei. Neue Steuerquellen müssten erschlossen werden, um die Einkommensverteilung grundlegend umzugestalten.
Amodei betont, dass finanzielle Absicherung notwendig, aber nicht ausreichend sei. Arbeit habe eine Würde, die über den Lohnzettel hinausgehe. Die Gesellschaft müsse weiter nach Wegen suchen, Vollbeschäftigung zu erhalten - selbst wenn sich die Bedeutung von Arbeit grundlegend wandle.
350 Millionen als Vorleistung
Um die Glaubwürdigkeit der Vorschläge zu unterstreichen, kündigt Anthropic 350 Millionen Dollar an eigenen Investitionen an. 200 Millionen fließen in einen Economic Futures Research Fund, der Pilotprogramme zu arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen finanzieren soll - eine Weiterentwicklung des bestehenden Economic Futures Program. Erste Pilotprojekte sollen laut Anthropic in Kürze starten. Weitere 150 Millionen gehen in ein nationales Fellowship-Programm, das Berufseinsteigern helfen soll, KI-Anwendungen in Gemeinden im ganzen Land zu verbreiten.
Amodei betont, dass Anthropic bereit sei, auch Maßnahmen mitzufinanzieren, die „traditionell nicht von privaten Unternehmen getragen werden". Das ist ein ungewöhnlicher Schritt für ein Unternehmen, das selbst zu den Verursachern der Disruption gehört, die es abfedern will.
Bürgerrechte, Wissenschaft und Geopolitik
Neben Regulierung und Arbeitsmarkt deckt der Essay weitere Felder ab. Amodei fordert ein Verbot autonomer Waffen im Inland, die Schließung bestehender Lücken bei der massenhaften Datensammlung durch Behörden und ein Recht auf KI-gestützte Beratung bei behördlichen Maßnahmen. Im Bereich Wissenschaft argumentiert er, dass Zulassungsbehörden wie die FDA modernisiert werden müssten, um mit KI-beschleunigter Forschung Schritt zu halten - etwa bei der Medikamentenzulassung. Geopolitisch schlägt er eine Koalition demokratischer Staaten vor, die gemeinsame Standards setzen und Chipexportkontrollen verschärfen soll.
Anthropic räumt ein, dass das Economic Policy Framework „necessarily incomplete" sei und das Tempo der KI-Entwicklung manche Vorschläge überholen könnte, bevor sie umgesetzt werden. Das Unternehmen sieht das Programm als Gesprächsgrundlage - auch für den G7-Gipfel und den bevorstehenden KI-Gipfel in Genf. Ausdrücklich eingeladen zur Mitgestaltung seien Gewerkschaften, Kleinunternehmer und Arbeitnehmerorganisationen.
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. Arbeitsmarkt-Szenarien durchdenken: Amodeis Stufenplan ist kein akademisches Gedankenspiel. Unternehmen sollten intern durchspielen, welche Rollen in ihrem Betrieb bei zunehmender Automatisierung betroffen wären - und ob Umschulung oder Neuausrichtung die bessere Antwort ist.
2. Regulierung vorbereiten: Ob FAA-Modell oder EU AI Act - die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie KI reguliert wird. Wer Frontier-Modelle produktiv einsetzt, sollte sich auf verpflichtende Audits und Transparenzanforderungen einstellen.
3. Wirtschaftspolitische Debatte verfolgen: Das Economic Policy Framework ist das bisher konkreteste Papier eines KI-Unternehmens zum Thema Arbeitsmarkt. Wer in HR, Personalplanung oder Unternehmensstrategie arbeitet, sollte die drei Szenarien und ihre Maßnahmen kennen.


