Apple hat heute auf der WWDC die überarbeitete Siri AI vorgestellt - und gleichzeitig bestätigt, dass sie auf iPhone und iPad in der EU nicht verfügbar sein wird. Auf dem Mac, der Apple Watch und der Apple Vision Pro funktioniert sie dagegen auch in Europa. Den Grund nennt Apple in einer offiziellen Pressemitteilung beim Namen: den Digital Markets Act.
Das Muster ist inzwischen vertraut. Schon 2024 hatte Apple die erste Version von Apple Intelligence in der EU zurückgehalten. Zwei Jahre später wiederholt sich das Spiel - nur dass der Einsatz deutlich höher ist. Denn Siri AI ist keine kosmetische Auffrischung. Es ist der bislang ambitionierteste Versuch, eine KI-Assistentin tief in ein mobiles Betriebssystem zu integrieren.
Was Siri AI kann - und was EU-iPhone-Nutzer verpassen
Die neue Siri tritt in einem "Liquid Glass"-Interface aus der Dynamic Island hervor und bekommt eine eigene App mit Chat-Verlauf, der sich über iCloud zwischen Geräten synchronisiert. Die Assistentin versteht den Bildschirminhalt, kann mehrstufige Aufgaben über App-Grenzen hinweg erledigen und passt ihren Schreibstil an den Empfänger an - wer in iMessage lockerer formuliert als in der Geschäftsmail, bekommt entsprechende Vorschläge.
Besonders auffällig: die neuen agentischen Fähigkeiten in Safari. Das Passwörter-Feature kann schwache oder kompromittierte Kennwörter künftig selbstständig auf Websites ändern - die KI navigiert eigenständig durch den Login-Prozess, meldet sich an und setzt ein neues Passwort. Apple nennt das "agentisch", und es ist genau die Art von Automatisierung, die bisher kein Betriebssystem-Assistent beherrschte.
Shortcuts per Klartext: Das Ende des Baukasten-Prinzips
Für Nicht-Entwickler dürfte die wichtigste Neuerung in der Shortcuts-App stecken. Bisher mussten Nutzer Automatisierungen Schritt für Schritt zusammenklicken - ein Prozess, der selbst technikaffine Menschen regelmäßig zur Verzweiflung trieb. Ab iOS 27 reicht ein Satz: "Schicke meiner Frau meine voraussichtliche Ankunftszeit, wenn ich das Büro verlasse." Apple Intelligence baut den Workflow im Hintergrund zusammen.
Dazu kommen Safari-Erweiterungen per natürlicher Sprache: Nutzer beschreiben, was eine Extension tun soll - etwa Rezepte auf einer Kochseite speichern und bewerten - und Safari erstellt den Code. Webseiten lassen sich per "Notify Me" überwachen: Ein kurzer Satz beschreibt, worauf man wartet, und Safari meldet sich, sobald sich die Seite entsprechend ändert.
Warum Apple die EU wieder aussperrt
Apple gibt dem Digital Markets Act direkt die Schuld. In der offiziellen Pressemitteilung heißt es:
„In den vergangenen Monaten haben die EU-Regulierungsbehörden keine der von Apple vorgelegten Lösungen akzeptiert, mit denen Siri AI in der EU eingeführt und gleichzeitig andere virtuelle Assistenten sicher unterstützt werden sollten.“
Software-Chef Craig Federighi wird noch deutlicher:
„Wir sind sehr enttäuscht, dass unsere Nutzer:innen in der EU Siri AI auf dem iPhone oder iPad nicht nutzen können, wenn wir unsere neuen Softwareversionen später in diesem Jahr veröffentlichen. Wir hoffen, Siri AI bald auch in der EU anbieten zu können, und werden weiterhin mit den EU-Regulierungsbehörden an einer Lösung arbeiten."
Und wer bis hierher noch irgendeinen Zweifel an der Schuldfrage hatte, muss sich den nächsten Satz auf der Zunge zergehen lassen, mit dem Craig Federighi, SVP of Software Engineering in der Pressemeldung zitiert wird:
"Da sie sich jedoch weigern, konstruktiv mit uns auf Lösungen hinzuarbeiten, die Datenschutz und Sicherheit gewährleisten, können wir derzeit keinen Zeitplan für die Verfügbarkeit von Siri AI in iOS und iPadOS in der EU nennen.“
Im Kern geht es um die Frage, welchen Zugang der DMA für konkurrierende KI-Assistenten verlangt. Apple beschreibt das Ausmaß so:
„Nach der extrem engen Auslegung des DMA durch die EU-Regulierungsbehörden müsste Apple jedoch allen virtuellen Assistenten direkten Zugriff auf die privaten Daten der Nutzer:innen geben – sowie die Möglichkeit, andere installierte Apps direkt zu steuern. [...] Das beinhaltet die Möglichkeit, Nachrichten zu lesen und zu senden, Käufe zu tätigen, auf Dateien zuzugreifen und Aktionen in beliebigen Apps auszuführen.“
Der Hintergrund: Der DMA verpflichtet sogenannte Gatekeeper - und Apple ist auf iPhone und iPad offiziell als solcher eingestuft - ihre Plattformen für Wettbewerber zu öffnen. Wenn Siri AI tief ins System integriert wird, Nachrichten lesen, Apps steuern und Fotos durchsuchen darf, muss Apple laut DMA dieselben Schnittstellen auch konkurrierenden Assistenten wie Claude, ChatGPT oder Mistral bereitstellen. Apple argumentiert, das sei ohne Kompromisse bei der Sicherheit nicht möglich.
Die Ironie: Auf dem Mac gilt Apple nicht als Gatekeeper im Sinne des DMA, weil macOS keinen vergleichbar geschlossenen App Store betreibt. Deshalb funktioniert Siri AI dort auch in der EU - auf demselben Gemini-Modell, mit derselben Private Cloud Compute Infrastruktur. Der Unterschied ist rein regulatorisch, nicht technisch.
Wichtig zur Einordnung: Dass die Sperre nur iPhone und iPad betrifft - nicht aber den Mac - zeigt, dass es hier um den Digital Markets Act geht und nicht um den AI Act. Der AI Act reguliert KI-Systeme plattformunabhängig. Eine selektive Gerätesperre wäre unter dem AI Act sinnlos. Der DMA hingegen greift genau dort, wo Apple als Gatekeeper eingestuft ist: auf iOS und iPadOS.
Pikant ist dabei ein Detail, das in der Debatte bisher untergeht: Siri AI wird von Googles Gemini angetrieben - und Google ist ebenfalls DMA-Gatekeeper. Auf dem EU-iPhone treffen sich damit zwei von der EU als Gatekeeper eingestufte Unternehmen in einem einzigen Produkt. Apple kontrolliert die Plattform, Google liefert die KI. Für die EU-Kommission könnte das ein doppeltes Wettbewerbsproblem sein: Zwei Gatekeeper, die sich gegenseitig verstärken, während Drittanbieter draußen bleiben.
Wer sich für die rechtlichen Hintergründe im Detail interessiert: Ich habe das Thema in einem Buchkapitel bei Springer Professional ausführlich aufgearbeitet.
Die Situation betrifft laut Apple auch China, wo separate regulatorische Hürden gelten. Cupertino erklärt, man arbeite an einer Lösung, die Privatsphäre und lokale Gesetze gleichermaßen wahre. Einen Zeitplan gibt es nicht.
Was das für europäische Nutzer konkret bedeutet
Wer ein iPhone oder iPad in der EU nutzt, bekommt mit iOS 27 und iPadOS 27 zwar das neue Liquid Glass-Design und andere Neuerungen - aber nicht das Herzstück: die KI-Assistentin. Keine natürlichen Shortcuts, keine agentische Passwort-Verwaltung, kein kontextbezogenes Bildschirmverständnis, keine personalisierte Nachrichtenformulierung. Wer einen Mac besitzt, kann Siri AI dort zwar nutzen - allerdings vorerst nur mit englischer Spracheinstellung.
Das schafft eine absurde Zweiklassengesellschaft innerhalb des Apple-Ökosystems - und stellt europäische Unternehmen, die auf Apple-Hardware setzen, vor ein konkretes Problem: Mobile KI-Workflows, die in den USA funktionieren, laufen auf EU-iPhones schlicht nicht.
Die ganze Keynote gibt's hier nachzusehen:
🎯 Was das für die Praxis bedeutet
1. Mac als KI-Arbeitsgerät priorisieren: In der EU ist der Mac aktuell die einzige Apple-Plattform mit Siri-AI-Zugang - wenn auch vorerst nur auf Englisch. Unternehmen, die auf Apple-KI setzen wollen, sollten ihre Workflows entsprechend planen.
2. Alternativen auf dem iPhone nutzen: ChatGPT, Claude und Gemini sind als eigenständige Apps in der EU auf dem iPhone verfügbar. Sie ersetzen nicht die Systemintegration von Siri AI, bieten aber einen Großteil der KI-Funktionalität.
3. Shortcuts-Alternative prüfen: Wer Automatisierungen per natürlicher Sprache braucht, kann über ChatGPT-generierte Shortcuts oder Drittanbieter-Apps wie Toolbox Pro nachdenken - bis Apple die Funktion auch in der EU freischaltet.
4. DMA-Entwicklung beobachten: Die EU-Kommission verhandelt aktiv mit Apple über die DMA-Umsetzung. Eine Einigung könnte die Sperre aufheben - wann, ist unklar.


