Einen Tag nach Apples Ankündigung, Siri AI auf iPhone und iPad in der EU zu sperren, schlägt die EU-Kommission zurück. In einer deutlichen Stellungnahme weist Brüssel Apples Darstellung zurück - und dreht die Schuldfrage um.

Apple zeigt auf Brüssel, Brüssel zeigt auf Apple

Apple hatte auf der WWDC seinen Software-Chef Craig Federighi vorgeschickt, um die Schuld bei den EU-Regulierungsbehörden abzuladen. Die hätten sich geweigert, „konstruktiv an Lösungen mitzuarbeiten", die Datenschutz und Sicherheit gewährleisteten. Deshalb könne man „keinen Zeitplan für die Verfügbarkeit von Siri AI in iOS und iPadOS in der EU nennen."

Die Antwort der Kommission kam laut Medienberichten prompt. EU-Sprecher Thomas Regnier stellte demnach klar: Die Entscheidung, Siri AI nicht in Europa zu starten, sei „Apples und allein Apples Entscheidung." Nichts im Digital Markets Act hindere Apple daran, neue Produkte in der EU auf den Markt zu bringen. Die Verordnung verlange lediglich, dass Apple faire Interoperabilität mit konkurrierenden Assistenten ermögliche.

Zwei Versionen derselben Geschichte

Die Positionen könnten gegensätzlicher kaum sein:

Apples Version: Der DMA verlange, dass sämtliche konkurrierenden KI-Assistenten denselben tiefen Systemzugang bekommen wie Siri - inklusive Zugriff auf Nachrichten, Dateien, Fotos und die Steuerung beliebiger Apps. Das sei ohne massive Datenschutz-Kompromisse nicht umsetzbar. Apple habe laut Berichten eine technische Zwischenlösung vorgeschlagen und 18 Monate Zeit für die Umsetzung erbeten. Die Kommission habe beides abgelehnt.

Die Version der EU-Kommission: Apple habe keine konforme Interoperabilitätslösung vorgelegt, sondern eine pauschale Ausnahme von den DMA-Pflichten beantragt. Die 18-Monate-Frist hätte Apple faktisch ein Monopol auf KI-Assistenten gesichert, während Wettbewerber ausgesperrt blieben. Andere Gatekeeper - darunter Google mit Gemini - hätten es geschafft, KI-Funktionen in der EU unter DMA-Auflagen anzubieten.

Der Mac-Test

Es gibt einen einfachen Lackmustest für Apples Argumentation: den Mac. Auf macOS funktioniert Siri AI auch in der EU problemlos - dasselbe Gemini-Modell, dieselbe Private Cloud Compute Infrastruktur. Der einzige Unterschied: Apple ist auf dem Mac nicht als DMA-Gatekeeper eingestuft, weil macOS keinen vergleichbar geschlossenen App Store betreibt. Die Sperre ist also nicht technisch, sondern rein regulatorisch begründet.

Das wirft eine unangenehme Frage auf: Wenn es technisch möglich ist, Siri AI sicher auf einem Mac in der EU zu betreiben - warum dann nicht auf dem iPhone? Apples implizite Antwort: Weil auf dem iPhone die DMA-Auflagen zur Öffnung für Drittanbieter-Assistenten greifen, die man nicht erfüllen könne, ohne die Sicherheit zu gefährden. Kritiker sehen darin eher den Versuch, ein geschlossenes Ökosystem zu schützen.

Druck von beiden Seiten

Mehrere Beobachter auf X ordnen den Vorfall als bewusste Eskalation beider Seiten ein. Ein Techjournalist formuliert es so: Apple und die EU erzählten „zwei völlig unterschiedliche Geschichten" - und momentan stehe es Patt.

Verbraucherschutzorganisationen in Europa kritisieren derweil, dass EU-Kunden als Geiseln in einem regulatorischen Machtkampf steckten. Die Situation betrifft laut Apple auch China, wo separate regulatorische Hürden gelten.

📖 Zum Weiterlesen

Regulierung und Innovation im Zeichen der Digitalisierung

Die Details über Apples Gatekeeper-Status, den Digital Markets Act und die Interoperabilitätspflichten habe ich im Kapitel „Don't Mess with Apple" im Springer Nature Buch Regulierung und Innovation im Zeichen der Digitalisierung umfassend aufgearbeitet. Auch als Leseprobe bei Google Books verfügbar.

🎯 Was das für die Praxis bedeutet

1. Keine schnelle Lösung in Sicht: Beide Seiten haben sich öffentlich festgelegt. Eine Einigung dürfte Monate dauern - EU-iPhone-Nutzer sollten nicht mit Siri AI vor 2027 rechnen.

2. Mac als Ausweichoption: Wer Siri AI in der EU nutzen will, kann das auf dem Mac - vorerst allerdings nur auf Englisch. Für Unternehmen, die Apple-KI-Workflows testen wollen, ist das derzeit der einzige Weg.

3. Drittanbieter-Apps nutzen: ChatGPT, Claude und Gemini sind als eigenständige iPhone-Apps auch in der EU verfügbar und bieten vergleichbare KI-Fähigkeiten - ohne die tiefe Systemintegration, aber ohne regulatorische Blockade.

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📰 Quellen
@jewiss auf X ↗ Apple Newsroom ↗
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