Unsere Einordnung

Mo Gawdat war Chief Business Officer bei Google X, der Moonshot-Abteilung des Konzerns. Er hat dort Roboter beobachtet, die sich selbst das Greifen beibrachten, und dabei eine Erkenntnis gewonnen, die ihn seitdem antreibt: Was in den Laboren entsteht, ist weitaus mächtiger als das, was die Öffentlichkeit zu sehen bekommt.

In diesem zweistündigen Gespräch mit Steven Bartlett kehrt Gawdat zu einem Thema zurück, über das er bereits vor vier Jahren gesprochen hat - damals, als KI noch ein Nischenthema war. Seine zentrale These hat sich verschärft: AGI ist nicht mehr in der Zukunft, sondern bereits in der Gegenwart angekommen. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell die Auswirkungen spürbar werden.

Arbeitsmarkt: Nicht von unten, sondern aus der Mitte

Gawdat widerspricht der gängigen Annahme, dass zuerst einfache Jobs wegfallen. Seine Prognose: Die ersten massiven Verluste treffen Wissensarbeiter auf Einstiegsebene - Sachbearbeiter, Paralegals, Junior-Analysten. Nicht die Handwerker. Ein Paralegal, der heute Recherche macht, wird durch KI ersetzt. Oder genauer: Ein Paralegal erledigt künftig die Arbeit von vier.

Ab 2027 erwartet er "sehr ernste Auswirkungen". Nicht weil plötzlich Massenentlassungen kommen, sondern weil Unternehmen aufhören, Einstiegsstellen nachzubesetzen. Die Belegschaft schrumpft unsichtbar - nicht durch Kündigungen, sondern durch Nicht-Einstellungen.

Das Kapitalismus-Paradoxon

Gawdats interessantestes Argument betrifft die ökonomische Grundlogik: Wenn KI die Arbeiter ersetzt, die gleichzeitig die Konsumenten sind - wer kauft dann noch die Produkte? Er beschreibt ein Szenario, in dem 10 bis 15 Prozent Arbeitslosigkeit ausreichen, um gesellschaftliche Instabilität auszulösen. Nicht 50 Prozent, nicht 30 Prozent. 10 bis 15 Prozent, weil die wirtschaftlichen Kaskadeneffekte (weniger Konsum, weniger Steuereinnahmen, weniger Infrastruktur) sich gegenseitig verstärken.

Die Hype-Dichotomie

Besonders einprägsam ist Gawdats Unterscheidung zwischen dem, was die Öffentlichkeit sieht, und dem, was in den Laboren passiert. Die öffentliche KI sei "overhyped but ineffective" - ChatGPT-Spielereien, die niemanden wirklich beeindrucken. Was die Entwickler intern sehen, sei dagegen "unbelievable intelligence": Systeme, die sich selbst weiterentwickeln, jeden Mikrosekunde neuen Code testen und exponentiell besser werden.

Gawdats Position zu den KI-Chefs

Zum Schluss geht Gawdat direkt auf Sam Altman ein. Er kritisiert, dass Altman in den vergangenen drei Jahren seine Position zur KI-Sicherheit mehrfach gewechselt hat. Gawdats grundsätzliches Argument: Das Problem ist nicht die Technologie. Das Problem sind die Anreizstrukturen der Menschen, die sie bauen. Solange Wettbewerb und Kapitalrendite die treibenden Kräfte sind, wird Sicherheit immer an zweiter Stelle stehen.

Trotzdem bezeichnet sich Gawdat als optimistisch - langfristig. Kurzfristig, für die nächsten ein bis zwei Jahre, nicht.