Humanoide Roboter falten keine T-Shirts mehr für Demo-Videos. Sie sortieren Pakete für einen der größten Einzelhandelskonzerne der USA.

Figure AI hat einen kommerziellen Vertrag mit Catalyst Brands unterzeichnet – dem Mutterkonzern hinter drei amerikanischen Einzelhandelsikonen: JCPenney (vergleichbar mit Galeria Kaufhof – ein Kaufhaus-Riese mit über 650 Filialen), Aéropostale (eine Jugendmodekette auf dem Niveau von H&M oder New Yorker) und Brooks Brothers (die älteste Bekleidungsmarke der USA, gegründet 1818 – Anzüge, Hemden, Business-Kleidung im gehobenen Segment). Zusammen bedienen diese Marken Millionen Kunden in den Vereinigten Staaten.

Die Figure-Roboter sollen im Logistikzentrum in Reno, Nevada eingesetzt werden, um körperlich anspruchsvolle Aufgaben in der Lieferkette zu automatisieren. Nicht als Pilotprojekt. Nicht als Machbarkeitsstudie. Als kommerzieller Einsatz mit dem Ziel, schnell zu skalieren.

Was Catalyst Brands braucht – und warum Roboter die Antwort sein sollen

Catalyst Brands betreibt fünf große Einzelhandelsmarken gleichzeitig und befindet sich in einer aggressiven Expansionsphase. Das Problem ist eines, das auch europäische Logistiker kennen: chronischer Personalmangel für körperlich fordernde, repetitive Aufgaben. In Reno betrifft das konkret die sogenannten „Joey Pouch"-Systeme – computergesteuerte Induktions- und Sortieranlagen, die Waren für den Versand vorbereiten. Vergleichbar mit den Fördersystemen, die auch Zalando oder Amazon in ihren europäischen Verteilzentren nutzen.

Das bedeutet konkret: Figure-Roboter werden nicht in einem abgesperrten Testbereich stehen. Sie werden in einer laufenden Produktionsumgebung arbeiten, neben menschlichen Mitarbeitern, in einem System, das bereits Hunderttausende Pakete pro Tag verarbeitet.

Figures Weg hierher: Vom Demo-Video zur Schichtarbeit

Wer Die KI Woche regelmäßig liest, kennt Figures rasante Entwicklung der letzten Monate. Im April demonstrierte Figure mit Helix 02, dass seine Roboter eigenständig 8-Stunden-Schichten absolvieren können – ohne menschliches Eingreifen, ohne Fernsteuerung. Kurz darauf folgte der Sprung auf über 200 störungsfreie Betriebsstunden in einem BMW-Werk. Und die aktuelle Generation, der Figure 03, zeigte sich bereits am Fließband bei komplexen Montageaufgaben.

Der Catalyst-Deal ist der nächste logische Schritt: vom kontrollierten Industrie-Piloten zum echten kommerziellen Einsatz in der Einzelhandelslogistik.

Die Brookfield-Verbindung: Kein Zufall, sondern Strategie

Hinter diesem Deal steckt mehr als eine einfache Kunden-Lieferanten-Beziehung. Brett Adcock, CEO von Figure, nennt es selbst die „erste kommerzielle Brücke" zwischen Figure und einem Portfolio-Unternehmen von Brookfield – einem kanadischen Vermögensverwalter mit über 1 Billion Dollar verwaltetem Vermögen (zum Vergleich: Das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt der Niederlande).

Brookfield ist sowohl Großinvestor bei Figure als auch Eigentümer von Catalyst Brands. Der Konzern verwaltet über 160 Millionen Quadratmeter Logistikfläche weltweit – mehr als die gesamte Lagerfläche von DHL in Deutschland. Im September 2025 stieg Brookfield bei Figures Series-C-Runde ein, die über eine Milliarde Dollar einbrachte und das Unternehmen mit 39 Milliarden Dollar bewertete. Im Gegenzug erhält Figure Zugang zu Brookfields Immobilienportfolio, um sein KI-Modell „Helix" – ein sogenanntes Vision-Language-Action-Modell (ein KI-System, das gleichzeitig sehen, Sprache verstehen und physisch handeln kann) – mit realen Umgebungsdaten zu trainieren.

Das bedeutet konkret: Brookfield baut ein Ökosystem auf, in dem der gleiche Investor die Roboter finanziert, die Gebäude besitzt, in denen sie arbeiten, und die Unternehmen kontrolliert, die sie einsetzen. Das ist keine Technologie-Partnerschaft. Das ist vertikale Integration über die gesamte Wertschöpfungskette.

Von BMW zu JCPenney: Der Musterbrecher

Figures bisherige Referenz war ein Pilotprojekt mit BMW, bei dem Figure-02-Roboter in der Fahrzeugproduktion assistierten. Der Catalyst-Deal ist anders dimensioniert: Er zielt auf ein Multi-Brand-Portfolio ab, das saisonale Nachfrageschwankungen (Black Friday, Weihnachtsgeschäft) mit flexibel skalierbarer Robotik abfangen will.

Die Logik dahinter: Wer eine Flotte humanoider Roboter besitzt, kann sie im November verdreifachen und im Februar zurückfahren – etwas, das mit menschlichen Mitarbeitern weder ethisch noch logistisch einfach umsetzbar ist. Figure nennt das „Workforce Modernization", Gewerkschaften dürften es anders nennen.

Was das nicht ist: Ein gelöstes Problem

Zwischen „kommerziellem Vertrag" und „läuft zuverlässig im Dreischichtbetrieb" liegt ein Ozean an Ingenieursproblemen. Humanoide Roboter in unstrukturierten Logistikumgebungen einzusetzen – mit wechselnden Paketgrößen, engen Gängen und menschlichen Kollegen – ist eine Aufgabe, an der selbst spezialisierte Logistikroboter regelmäßig scheitern. Dass Figure sofort mit humanoiden Robotern startet, statt mit bewährten, spezialisierten Systemen, ist entweder Ausdruck enormen technologischen Vertrauens oder enormen Investorendrucks. Vermutlich beides.

Für die europäische Einzelhandels- und Logistikbranche ist der Deal ein Frühwarnsignal. Was heute in Reno beginnt, wird in zwei bis drei Jahren in den Verteilzentren von Inditex, Zalando oder der Schwarz-Gruppe diskutiert werden. Die Frage ist nicht mehr, ob Roboter in Logistikzentren arbeiten werden, sondern wie schnell die Skalierung gelingt – und wer die Arbeitsplätze besetzt, die dabei wegfallen.

🎯 Was das für die Praxis bedeutet

1. Wer in der Logistik oder im Einzelhandel arbeitet, sollte den Robotik-Markt jetzt systematisch beobachten. Figure ist nicht der einzige Anbieter – Unitree, Boston Dynamics und Agility Robotics drängen in den gleichen Markt. Die Frage ist nicht „ob", sondern „wann" Ihr Arbeitgeber nachzieht.

2. Für Investoren und Analysten: Brookfields Strategie zeigt ein neues Muster – Infrastruktur-Investoren, die gleichzeitig in Robotik-Startups, Immobilien und Betreibergesellschaften investieren. Das verändert die Bewertungslogik für humanoide Robotik fundamental.

3. Für Personalverantwortliche: „Workforce Modernization" klingt nach Effizienzgewinn, bedeutet aber auch Umschulungsbedarf. Unternehmen, die Robotik einführen, sollten gleichzeitig Weiterbildungsprogramme für Mitarbeiter aufsetzen – bevor der Betriebsrat es einfordert.

📰 Quellen
Figure AI Pressemitteilung ↗ Brett Adcock auf X ↗
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